Zebrastreifen überm Kopf

Nach stundenlanger Zugfahrt, die in einer halben Stunde endlich zu ihrem Ende kommen soll, schicke ich meine Gedanken auf Entdeckungstour. Eine kleine mentale Reise, um meine physische erträglicher zu machen.

Oft kommt Inspiration durch Aus-dem-Fenster-Schauen. Es ist aber schon stockdunkel. Nur wo Licht ist, kann man zumindest mit den Augen was entdecken. Und Gedanken leben nun mal davon, was ihnen die Augen als Nahrung zuführen, deshalb gucke ich ganz spontan nach oben. An die Decke, da, wo die künstlich-stechende Lichtquelle zu finden ist. Eine Straße, eine Fahrbahn, ein durch kurze, hintereinander gereihte Leuchtstreifen angedeuteter kleiner Highway – diesen Anschein erweckt in mir die doch sehr schlichte Beleuchtung. Über den beiden Sitzgruppen-Reihen verläuft eine jeweils zweispurige Fahrbahn. Ich schaue kurz weg, das Licht macht mich sonst ganz wirr im Kopf.

Dann wage ich doch nochmal einen Blick nach oben. Nun sehe ich Zebrastreifen. Ja, da sind Zebrastreifen über meinem Kopf. Ich muss an die im Zebra-Style gestreiften Socken denken, die ich gestern noch anhatte. Heute trage ich schlichte schwarze, eintönig und öde. So wie die komplett in Schwarz gekleideten Männer schräg gegenüber von mir, also auf der Gegenfahrbahn, die beide apathisch aber mit dieser fast schon natürlich wirkenden, liebevollen Zuwendung mit den Fingern sanft über die Bildschirme ihrer Smartphones streicheln. Wie sie da so hintereinander jeweils alleine an einem Viererplatz hocken, stumm und starrend, schwarz und wischend, Brille auf der Nase und Kopf gesenkt, kommt es mir so vor, als würde ich doppelt sehen. Als wäre ich selbst einer von ihnen und würde in einen Spiegel schauen, der sich einen Spaß daraus macht, Vervielfältigungen von ausgesprochen langweiligen Momenten zu reproduzieren.

Einer der beiden trägt wenigstens eine blaue Mund-Nase-Bedeckung. Das fällt mir gerade noch auf, dann wird es schwierig mit dem Beobachten. Die Zebrastreifen und Fahrbahnlinien fangen zu flimmern an. Und auf einmal schaltet sich jede zweite davon aus, wie auf ein unhörbares Kommando folgend. Die zwei stummen Männer stört das nicht, die hat das schreiend-kühle Weißgelb der Lampen bestimmt gestört. Jetzt leuchten dafür ihre Smartphones umso mehr. Ich schaue zur Decke und schon rast mir die nächste Assoziation durch den Kopf. Der Beleuchtungsgrad simuliert ganz gut die Atmosphäre im Yogastudio während der Endentspannung, finde ich. Was für eine Veränderung in der Wahrnehmung, vom rauschenden Highway zur einfachen Yogahaltung. Ich schließe die Augen, vielleicht kann ich ja tatsächlich etwas entspannen. Aber da gehen alle Lichter wieder an, ich schrecke auf, blicke ungewollt direkt in einen leuchtenden Zebrastreifen und fühle mich wie auf frischer Tat ertappt.

Wenn meine Gedanken reisen, bin ich immer schreckhaft. Als wäre es verboten, obwohl ja keiner meine Gedankengänge nachvollziehen kann, geschweige denn in der Lage ist, wahrzunehmen, dass ich überhaupt denke. Doch auf gedanklichen Entdeckungstouren lässt man sich allein von Eindrücken leiten. Man lässt die Gedanken einfach herumspazieren, ohne Gefahren zu wittern. Oder gerade deshalb: um sich abzulenken. Die kleinste Unterbrechung lässt einen hochschrecken.

Endlich schaffe ich es, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Lange genug haben die Lichtstreifen meine Aufmerksamkeit bekommen. Wieso eigentlich? Das erste, was sich in den Sinn einbrennt durch eine noch so abwegige oder einfache Assoziation, bleibt lange hängen und lässt sich nicht so leicht abschütteln. Anstatt nach oben schaue ich einfach mal geradeaus. Da sitzt niemand. Ein merkwürdiges Muster-Arrangement auf den Stoffbezügen versucht, mich anderweitig zu inspirieren. Ich versuche, das Muster zu verstehen, doch so ganz erkenne ich weder einen ästhetischen noch einen logischen Sinn in dem unregelmäßigen, verschiedenfarbigen Viereckchen-Wirrwarr.

Endlich komme ich am Bahnhof an. Noch ganz gedankenverloren. Durcheinander vom komischen Stoffmuster-Gewirr. Das ich unbedingt lösen möchte. Ein Rätsel, zum Verzweifeln. Jetzt hatte ich mich doch schon so angestrengt. Aber nun, raus aus dem Bahnhof, über die Straße getippelt, rauf auf den Gehweg und weg mit den verwirrenden Gedanken. Jetzt bin ich da, jetzt muss ich mich nicht mehr ablenken. Jetzt geht’s nachhause.

…bevor ich überhaupt dort angekommen bin, in diesem kleinen niedlichen Häuschen, meinem Zuhause, denke ich an den mageren Kühlschrankinhalt, das vollgestopfte Bücherregal, die kuscheligen Decken auf der Couch, obwohl mein Körper doch einfach nur mit Gehen beschäftigt ist. Und einfach alles nur auf sich zukommen lassen will.

Doch unsere Gedanken sind uns oft einen Schritt voraus. Und das ist gut so. Sonst hätte ich nie Zebrastreifen über dem Kopf oder würde mich im Zug nie an ein Yogastudio erinnert fühlen.

Photocredit: privat

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