Auf Chancen lauern

Hineinspaziert ins neue Jahr. Oder einfach nur hineinplatziert, ganz automatisch ohne Zutun, ohne Wille, doch mit Hoffnung und Promille.

Nun aber ganz im Ernst, der Übergang ins neue Jahr ist jedes Mal dieselbe Prozedur. Die sich vollzieht, begleitet von Traditionen, Sekt und Glückwünschen, die sich jeder Mensch im selben Moment verdient, ohne irgendetwas zu tun. Und schon steht man im neuen Jahr, in einer neu betitelten Zukunft. Eine vierstellige Zahlenschlange, die alles besser machen soll.

Und dann liegt man am Neujahrsmorgen im Bett und denkt, dass man etwas vergessen hat im alten Jahr. Da war doch noch was…? Die Gedanken kreisen spiralenförmig den Körper auf und ab. Erst toben sie sich im Großhirn aus, kurz darauf fühlt man sie im großen Zeh.

Sie gleichen diesen Gedanken, die man hat, wenn man auf die Schnelle für einen Wochenendtrip packt und mit diesem naiven, fast schon irren Lächeln im Gesicht und einem vollgepackten Rucksack auf den Schultern durch die Haustür läuft. Ein plötzliches Rumsen, ein klackerndes Schlüsselumdrehen, ein Rüttel-Check am Türknauf – dann fühlt man sich frei. Und doch bleibt man Gefangener dieser unberechenbaren Gedankengänge. Die euphorisch hochgezogenen Mundwinkel spüren das Annähern sorgenvoller Stirnfalten.

Hinter jeder Tür lauert eine Chance. Und große Ungewissheit. An der Schwelle, die vom Alltag ins Abenteuer führen soll, wird man von allen hartnäckig ausgeblendeten Sorgen überfallen. Sie kreisen im Kopf, sie rühren durch den Magen. Sie stecken steif in den Beinen, drücken auf die Kniescheiben und kribbeln unter den Zehennägeln.

Alles wäre doch so leicht: Entschluss fassen, Koffer packen und los geht’s. Im opaken Nimbus, der zwei Jahre voneinander scheidet und doch auf magische Weise zusammenkettet, wird ein ähnliches Prinzip als Patentrezept für frische Zufriedenheit empfohlen: Vorsätze formulieren, sich auf Veränderungen vorbereiten und los geht’s.

Ein zum Scheitern verurteilter Irrglaube. Das denken viele, die am 1. Januar die Gedankenspirale in allen Körpergliedern spüren, eine rotierende Endlosschleife. Einschläfernd. Doch genau sie soll uns doch wachrütteln. Haben wir etwas verpasst?

Zu viel vorgenommen, zu wenig gepackt und jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Auch wenn wir im alten Jahr etwas liegen gelassen haben, das wir nun brauchen könnten. Die Tür des letzten Jahres ist verschlossen, alles Rütteln hilft nichts. Wir haben sie gründlich und in Champagnerlaune geschlossen, in der Hoffnung auf ein besseres neues Jahr.

Nun ein Neuanfang?

365 Tage voller Überraschungen. Monate, die weit weg scheinen – bald werden wir uns in ihnen befinden. Wer spekuliert, wird leer ausgehen, wer hofft, wird vielleicht enttäuscht. Doch wer in seine Willenskraft glaubt, wird womöglich auch belohnt. Alles neu? Alles wie immer. Haben wir jemals daraus gelernt? The same procedure… und doch klammern wir uns an winzige Hoffnungsfünkchen. Weil letztlich nur Optimismus uns am Leben hält.

Und wenn doch mal was schief läuft? Nur Mut, nur Kraft, nur Ausdauer: In 365 Tagen gibt es wieder eine neue Chance.

Photocredit: Unsplash

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