Ab wann ist ein Balkon Balkonien? Auf meinem Balkon stehen ein Tisch und zwei Stühle. Ein Sonnenschirmständer ohne Schirm. Keine Liege, keine Pflanzen. Das Einzige, was hier sprießt ist Unkraut, das aus den Betonplattenfugen grinst. Ist so etwas Balkonien? Immerhin ist der Ausblick schön grün, blättrig, bäumig, kühig, windrädrig. Alles weht, muht und dreht sich. Da vergnügen sich die Augen. Sobald sie auf meinen Balkon blicken, nicht mehr. Aber das lässt sich ändern. Schließlich habe ich noch drei Jahre alte Blumenerde im Keller, eine aufgerissene Packung, die mit geöffnetem Mund, braune Klümpchen sabbernd, ganz hinten im Kellerabteil schlummert.
Erst brauche ich Pflanzen. Doch die sind schnell gekauft. Tomaten, Basilikum, Erdbeeren – ich starte mal mit den Klassikern und schaue, ob sie überleben. Ich gebe ihnen nicht mehr als zwei Monate, aber vielleicht habe ich ja doch ein grünes Herz. Oder einen grünen Finger. Oder was auch immer man braucht, um eine gute Pflanzenmutter zu sein.
Ich stelle die in Plastikkorsetts gepressten Pflänzchen auf den Balkon neben die Pflanzkästen, die ich ebenfalls gekauft habe. Und laufe gleich hinunter in den Keller. Die Blumenerdenpackung liegt lustlos zusammengesackt in der hintersten Ecke. Ich muss über Schachteln stolpern. Am Ende falle ich irgendwie mit dem Kinn in den Sackkragen und atme Erde ein. Das fühlt sich so an, wie man es sich vorstellt: erdig. Aber nicht erdend. Ich springe auf, huste ein paarmal und packe den Sack am Kragen. Ganz schön schwer. Ich mache drei Schritte, steige vorsichtige über Schachteln. Dann reißt das Blumenerdensackplastik. Zum Glück fällt der Inhalt in eine leere Kartonbox. Hätte sich keiner besser ausdenken können. Ich freue mich, lasse den leeren Sack fallen und nehme die Schachtel mit beiden Händen. Ich entdecke eine nie benutzte Gartenschaufel und lege sie auf die Erde, die in der Schachtel schnauft. „Endlich Platz zum Atmen!“, scheint sie ausrufen zu wollen. Nach all den Jahren in der engen Plastikpackung kein Wunder. Jetzt aber schnell rauf zum Balkon. Das geht natürlich nur über das Treppenhaus. Also Treppe rauf zur Wohnung. Erde rieselt auf die Stufen. Die Box muss irgendwo ein Loch haben. Das immer größer wird. Denn nun fällt kein Regen mehr, sondern es platschen Häufchen. Ich laufe schneller. Und schaffe es, eine beachtliche Menge Erde über die letzten Stufen, durch die Wohnung auf den Balkon zu bringen. Geschafft. Naja, eigentlich noch nicht. Jetzt geht es erst los.
Vor lauter unbegründeter Eile fange ich sofort an, packe die Schaufel, stecke sie schwungvoll in den Schachtelinhalt und werfe die erste Ladung Erde in einen rechteckigen Pflanzkasten. Die Hälfte geht daneben. Ich denke kurz an früher, da hat das Sand-in-die-Sandkastenform-Schaufeln auch nicht so gut geklappt. Mit den Händen ging das immer viel besser. Also, besser auch jetzt Handarbeit. Ich greife in die Erde und befördere sie von der Box in den Kasten. Funktioniert. Ich tätschle die Erde im Pflanzkasten. Das tut gut, so als würde ich meinen Bauch streicheln. Und ab, die nächste Ladung und die nächste. Doch ich merke, dass meine Finger protestieren. Ich schaue sie an und sie schauen mich an mit ordentlich Dreck unter den Nägeln. Das kann ich gar nicht haben. Handschuhe müssen her. Ich habe doch irgendwo Gartenhandschuhe. Achja, in der einen Schublade dort. Ich finde sie, doch sie sind viel zu groß. Wieso habe ich die überhaupt gekauft? Das Preisschild baumelt von einem Handschuhfinger, so als wollte es mir sagen: „Keine Ahnung, was das soll. Ist mir auch egal. Lass mich weiterschlummern!“ Die Haut unter meinen Fingernägeln juckt, meine Hände trauen sich nicht mehr, nackt in die Erde zu greifen. Ich ziehe mir also meine Winterwollhandschuhe an und packe zwei Handvoll Erde. Einiges landet im Pflanzkasten, doch gefühlt die Hälfte bleibt in den groben Handschuhfasern kleben. Ich habe Bärentatzen. Ich hebe sie neben meine Ohren, kurz davor, mich zu ergeben. Einige Sekunden vergehen, bevor eine Kinderstimme kreischt. Sie kommt vom Garten unter meinem Balkon. Ein Mädchen starrt mich an und schreit. Ich ziehe mir ein Grinsen übers Gesicht. Augen und Mundwinkel gehorchen und ich sehe froher aus. Mit meinen Tatzen winke ich. Der Nachbar eilt zu seiner schreienden Tochter, schaut zu mir und winkt mir irritiert zurück. Dann ziehe ich mir schnell die Handschuhe aus, lasse sie fallen und laufe in meine Wohnung. Nach dem Schreck brauche ich eine kurze Pause.
Es geht weiter mit nackten Händen. Das klappte bisher am besten. Auch wenn ich dafür die kommenden zwei Wochen dreckige Fingernägel haben werde. Das erste von zehn Pflänzchen habe ich nach einer Stunde fast fertig. Jetzt verstehe ich, wieso manche Gärtnern als gleichwertiges Hobby neben Fitnessstudio und Reisen verstehen, auch wenn sie nur einen Mini-Balkon haben. Es ist wirklich zeitaufwändig. Mein Hobby wird es nicht. Die Tomatenpflanze steckt viel zu tief im Topf. Einige Erdklümpchen haben es sich auf Pflanzenblättchen gemütlich gemacht. Ich blase drauf. Der braune Staub fliegt erst weg, überlegt es sich dann aber anders. Der Wind hat ihn überzeugt, in meine Augen zu rieseln. Da jucken sie jetzt. Durch Tränen hindurch schaue ich meine Tomatenpflanze an, die überaus schief in die Luft ragt. So als würden sie mich mit geneigtem Kopf anschauen und sagen wollen: „Schlimmer geht es wohl nicht. Reicht dir der Balkon nicht? Muss es unbedingt Balkonien sein?“
Ich schaue der Pflanze in ihre noch nicht existierenden roten Augäpfel, die ich an ihre schwachen Stiele halluziniere und reiße sie aus der Erde. Neuer Versuch. Erde – zack – mehr Erde- zack – mit nackten Händen. Meine Fingernägel ersticken. Ich mache trotzdem weiter. Ich tätschle. Ich greife und werfe und tätschle. Mein Magen knurrt. Ich tätschle mehr, mein Bauch versteht es nicht. Ich schaue die Tomatenpflanze an, die zerzaust aussieht. Aber wenn ich den Kopf schief halte, ist sie wenigsten gerade. Und diesmal liegt weniger Erde auf den Blättern. So kann man das lassen. Noch neun Pflänzchen übrig. Ich mache alles zack-zack-zack. Zwischendurch muss ich meinen Bauch streicheln, damit ihn die Wut nicht noch mehr verkrampft. Die Vorfreude auf Balkonien überwiegt.
Es könnte sein, dass ich dabei ein bisschen mit Erde herumwerfe. Das meiste davon landet zwar in den Töpfen, einiges fliegt aber über das Balkongeländer oder dessen Löcher hindurch in Nachbars Garten. „Es regnet Dreck!“, ruft das Nachbarsmädchen. Ihre Eltern erheben sich von ihrem Terrassien und gehen in ihr Gartonien, um mein Balkonien zu bestaunen. Entsetzen hatte noch nie so große Augen. Zwei Erwachsene und ein Kind starren mich mit riesigen runden Gucklöchern an. Ich werke weiter. Gleich bin ich fertig. Zack – zack – zack. Und nochmal: zack – zack – zack. Geschafft. Meine Nachbarn schauen immer noch zu mir hoch. Sie weinen. Freudentränen? Oder hat ihnen der Wind auch eine Portion Erdenregen in die Augen geweht? Ich lache. Freudentränen! Verzweiflung hatte noch nie so dicke Tränen. „Das sind Tomaten- und Erdbeerpflanzen und Basilikum!“, rufe ich meinen Nachbarn zu. Erklärungsnot hatte noch nie so sinnlose Wörter. Die Nachbarn schütteln die Köpfe und verziehen sich auf ihre unkrautfreie Terrasse mit Sonnensegel, Windrädchen, Dekoschildkröten und Outdoor-Küche.
Ich stelle, hänge, rücke meine Pflanzentöpfe. Und setze mich zu ihnen. Das ist also Balkonien? Das frisch gepflanzte Grün grinst grausamer als das Unkraut unter meinen Füßen. Das Paradies hatte noch nie so eine Schadenfreude.
Photocredit: Kadri Karmo/Unsplash