Und auf einmal

Wir tragen Eis spazieren und lecken daran und ernten gierige Blicke von Kindern. Wir tragen Wein spazieren und nippen daran und bekommen gleichgültige Blicke von Erwachsenen. Wir tragen Sonnenbrillen auf der Nase und auf einmal sind alle Gesichter orange. Jeder sieht erfahrener aus, selbst weiße Häuserfassaden wirken weise, so wie damals.

Wie in diesem Film, von dem es so viele gibt. Wir laufen steif wie Statisten, haben das Sonnenstrahlen-Lecken verlernt. Wir beneiden die Blumen, die machen es von Natur aus richtig.

Erstmal zum Fluss, vielleicht schwappt dort Erkenntnis ans Ufer. Vor Vorfreude klatschen wir in die Hände. Und merken: Wir haben Sonnenglanz gefangen. Wir zerreiben, was die Finger nicht fühlen, nur der Geist begreift; unsere Währung, die kostenlos vom Himmel fließt.

Mit der Sonne kaufe ich mir heute ein paar neue Sommersprossen. Vielleicht auch Lachfalten, weil ich doch so glücklich bin. Ich sitze stundenlang am Fluss, aber werde nicht schlauer. Wie machen das die Blumen nur, so nonchalant? Ohne es zu merken, mache ich es auf einmal selbst richtig. Meine steife Gestalt schmilzt in der Sonne zu einem geschmeidigen Körper. Doch diese Haltung zu halten schaffe ich nur mit Mühe.

Was passiert, wenn ich meinen Zeh ins gekräuselte Wasser dippe? Kommt ein Fisch und knabbert daran? Folgt ihm ein anderer und nippt an meinem Blut? Wie könnte ich böse sein: Ich mache es doch selbst mit der Sonne, nippe an ihrem strahlenden Saft, den sie auf die Erde gießt.

Eimerweise schüttet sie Wärme auf unsere Scheitel, in unsere Waffeltüten, in unsere Trinkkelche. Eis schmilzt, Wein erhitzt. Während wir Hälse recken, Augen schließen, Nasen in die Luft dippen. So weit nach oben wie möglich. Jeder will am meisten Sonnenspucke. Strecken macht das Schlecken einfacher.

Alle werden größer, die Sonnengier zieht alle lang, kein Unterschied mehr zwischen Kind und Erwachsenem. Und auf einmal tragen alle weiße T-Shirts. Ich selber nicht, glaube ich. Ist auch egal, ich sehe mich selber nicht, ich schaue schließlich zur Sonne. Und alles um mich herum ist sowieso orange.

So wie damals in diesem Film. Den gibt es wirklich, ich bin drin. Alle sind Statisten in Einheitsfarbe. Schlecken geschmolzenes Eis, schlucken warmen Wein. Freuen sich, weil es so im Drehbuch steht: Jeder mag Sonne.

Ich lehne mich an die Person neben mir, die mich zum Wir macht, weil sie alle meine Bewegungen spiegelt, und kippe um. Falle in meinen eigenen Schatten. Waffeltüte knackt, Weinglas bricht. Als letztes hole ich meine Nase aus dem Himmel und nehme die Sonnenbrille ab. Ich sitze am Boden. Neben mir ein stehendes Kleinkind auf Augenhöhe. Es trägt ein weißes Shirt, das einfach nur weiß ist. Es schleckt Eis. Seine Eltern nippen Wein.

Mein Film ist vorbei. Ich fühle mich wie eine Blume. Ich weiß auf einmal, was zu tun ist, ganz automatisch. Ich stehe auf, wische Staub vom Po und laufe los. Nonchalant, als wäre nichts passiert.

Photocredit: Raka A. Wicaksono

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