Rastloses Scheinen

Windräder zerschneiden die Abendsonne. Oder helfen sie ihr nur beim Untergehen? Goldener Glanz fällt durch die rotierenden Arme wie die Zeit durch ein Uhrwerk. Der Tag wird zermahlen, während sich der Abend an den Himmel malt.

Der Himmel hat Hornhaut, die ein Flugzeug durchbohrt. Können die Windräder auch den Himmelsschuppen helfen, sich aufzulockern? Um ruhiger in den Schlaf zu fallen. Wolken tätscheln der Sonne aufs Haupt. Eine flauschige Haube entlässt sie in den Feierabend. Doch ihre Arbeit geht im selben Moment auf einem anderen Kontinente gerade erst los. Rastloses Scheinen.

Bis zum Horizont liegt alles schon unter einer dunklen Decke, nur Windräder und Bäume strecken ihre Köpfe aus der Landschaft heraus. Hinein in eine leuchtende Luft, die sich bald selbst verschluckt. Vorahnung ist Gewissheit: Die Nacht fällt auf die Erde und knipst das Licht aus.

Ein Haus zeichnet seine Konturen ins Abendgrau. Es kniet zwischen zwei Bäumen. Stand es vorhin nicht noch aufrecht da? Alles schrumpft, wenn der Tag geht. Das Haus liegt unter einer spitzen Dachziegeldeckel. Sie fällt ihm in die Stirn wie eine rote Schlafmütze.

Auf den Wanderwegen neben Feldern und Wäldern ist keiner mehr. Adern, die sich über die Landschaft verzweigen, brauchen eine Pause. Keine Menschen, die wandern, joggen, stolpern, fallen. Das Mahlwerk der Zeit sorgt schnell genug dafür, dass sich all das wiederholt.

Der Abend hat sein Gemälde vollendet. Der Mensch findet es atemberaubend. Erst wenn der Tag untergeht, fällt auf, wie viele Farben im Himmel stecken. Ein Foto konserviert den Moment, der so einzigartig ist wie Tütensuppe. Jeder weiß, wie er schmeckt, er ist überall erlebbar, aber keiner kann genug davon bekommen. Von Schimmersonne in Hornhauthimmel umrahmt von unvermeidbarem Dunkel. Auf Fotos und in Gedächtnissen strahlt der Sonnenuntergang zwischen pastell und grell. Rastloses Scheinen.

Photocredit: privat

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