Purzeln, prügeln, fühlen

Wir schweben durch die Lüfte auf Wattewolken, in flauschigen Träumen schwelgend. Das Großartige herbeisehnend. Zukünftige Emotionen ahnend. Wir üben fühlen. Was fühlen wir dabei?

Kribbelnde Kühle. Mehr ist da nicht. Man fühlt, aber spürt doch kaum etwas. Obwohl da doch noch so viel sein sollte. All das, was sich die Vergangenheit fürs Heute ausgedacht hat. Aber Heute ist kleiner als erwartet. Hat zu kurze Beine und kann nicht weit genug nach oben greifen. Gestern war schon so und von Morgen darf man auch nicht mehr erwarten. Die Tage sind sich einig. Ihre Arme müssen länger werden. Um sich strecken und an den Wolken rütteln zu können.

Wir plumpsen auf die Erde und tun so, als würden wir uns selbst aus den Träumen zwicken. Wir strengen uns an, zu können wollen. Werden dürfen. Sein müssen. Aus eigener Kraft. Noch schnell die Zuckerwattereste aus den Mundwinkeln lecken. Aufstehen, das Heute packen und versuchen, es größer zu ziehen, damit es endlich großartig wird. Und wir unsere Träume pflücken können. Alles Recken und Strecken macht die Arme und Beine aber nicht länger. Man ist auch nur so groß wie der Tag es zulässt.

Stattdessen fühlt man sich, als wäre man zum ersten Mal aufgewacht und steht mitten in der knallharten Kissenschlacht. Jeder Treffer, jeder Hieb eröffnet ungeahnte Angriffspositionen. Startpunkte. Laufbahnen. Kribbelnde Wärme durchflutet den Körper, der von seiner plötzlichen Hellwachheit überrumpelt ist. Keine Zeit für Schwelgerei, für in die Zukunft projizierte Nostalgie.

Fester Boden macht die Sinne klar. Ach, was war das nur für ein wackeliger Watteteppich da oben? Ein Ort ohne Ja und Nein, nur Vielleicht und Hoffentlich zählten. Das ist jetzt vorbei. Alles ist anders als erhofft. Und so viel besser. Wir sind im Fühlen angekommen.

…doch das verführt zum Träumen. Liegen wir bald wieder in den Wattewolken und kuscheln mit dem Was-wäre-wenn? Dann purzeln wir wieder und prügeln uns. Und fühlen wieder. Dann schwelgen wir. Ein ewiges Auf und Ab, ein Taumeln, bis wir uns einpendeln und endlich ruhig baumeln. Uns aushängen. Und mit den Zehenspitzen über die Erde tippeln und mit dem Scheitel ein Wattehütchen balancieren.

Photocredit: Emmanuel Appiah/Unsplash

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