Seit fast 16 Jahren ist er tot. Nun steigt er in den Bus; fast jeden Tag um acht. Immer mit demselben Ziel: „Zur Sebastianstraße“ sagt er, während er die Busfahrerkabine mit Bargeld füttert. Immer fährt er nur vier Haltestellen. Immer steige ich eine vor ihm ein und eine vor ihm aus. So als würde ich ihn abholen und er mich abladen. Ein Balanceakt, der in symmetrischem Einklang atmet und zwei Leben entlang der immergleichen Zeit-Raum-Koordinaten über die morgendliche Stammstrecke rollen lässt.
Fast will ich ihn ansprechen. Tot ist der Mann ja nicht. Aber er hat fast so eine Art wie Opa. Der trug auch immer eine Kappe. Und in dunkelgrünen Jacken habe ich ihn auch oft gesehen. Wir sind nie Bus gefahren. Wir sind viel rumgesessen; eigentlich immer auf gemütlichen Eckbänken und Couchen, Kanapees und Sesseln. Fast immer beim Kuchenessen und Fernsehschauen. Beim Pombären-Futtern und Maoam-Kauen.
Der Fremde klammert sich an seinen Stock und schlurft ein paar Schritte bis zu einem freien Sitzplatz. Er lässt sich darauf sinken, so erleichtert und grundzufrieden wie es mein liebster Alter immer tat, wenn er sich in Startposition zum Fernsehen begab. Fast immer Skispringen, Boxen und Gerichtshows.
Mein alter Mitfahrer sitzt immer einige Meter vor mir im Bus. Er ist mein Fernsehen. Viel gibt’s eigentlich nicht zu sehen, aber manchmal bewegt sich sein Kopf zur Seite, sodass sich sein markantes Profil abzeichnet – vor dem ewig eintönigen Hintergrund des geradlinigen Businterieurs. Er beobachtet immer, was hinter der Fensterscheibe passiert. Nie viel, aber immer etwas. Unspektakuläres Fernsehprogramm für ihn, aber großes Kopfkino für mich.
Wo fährt der Mann nur hin? Klar, immer zur Sebastianstraße, aber was macht er dort? Frühstücken mit Freunden, einkaufen im Supermarkt, Zeitungslesen im Café? Irgendeine Routine muss dahinterstecken. Oder sehe nur ich ihn als Alten, und er fährt einfach wie alle anderen Mitfahrer zur Arbeit? Ist er nur Einbildung, Produkt meiner allmorgendlichen, gähnenden Fantasie? Immer kreisen meine Gedanken um diese Fragen, wenn er in den Bus steigt. Und wieso hat er keine Monatskarte und kauft sich immer ein Einzelticket?
Hat er Familie?
Was macht er abends?
Wie denkt er über den Tod?
Wo kauft er seine Kappen?
Isst er gern Kuchen?
Welchen Fernseher hat er – und was für eine Couch?
Nach 16 Jahren Tod bist du fast wieder in meinem Leben. Ich schaffe es aber nicht, dich einzuholen. Du entwischst mir immer wegen unserer Haltestellen-Asymmetrie. Dieser Distanz-Balance, die mir das Träumen erlaubt, das Spekulieren und Rätseln. Du bist da, obwohl ich dich nicht fassen kann. Jeden Morgen. Fast immer.
Photocredit: Abi Ismail/Unsplash