Der Frosch in mir

In meinem Ohr trällern noch die freudigen Neujahrswünsche von Freunden und Familie, als mich die Hallenbadkassiererin mit einem zahlungsauffordernden Hinweis in die Realität dieses jungen Jahres schubst. „Ihre Bonuskarte ist abgelaufen.“ Was ich noch nicht wusste, scheint auch die Schwimmbaddame zu überraschen. „Kann das sein?“, fragt sie mich während sie mit aufgerissenen Augen auf den Computer blickt und Kaugummi kaut. Langsam und mechanisch. Ein klebriger Moment. Das Jahr startet zäh. Was soll ich darauf antworten? „Weiß ich nicht, kann schon sein. Bitte eine neue Karte“. Keine Sätze, nur Gestammel kommt aus mir raus. Die Kassiererin scheint dasselbe Problem zu haben. „Dann 57 Euro bitte.“

Der Zufall will, dass ich einen Hunderteuroschein dabei habe. Eine Seltenheit. Ich ziehe ihn vorsichtig aus dem Portemonnaie. Der Betrag ist hoch genug, um ihn loswerden zu können, denke ich. Das grüne plattgebügelte Papierchen macht mir irgendwie Angst. Der Kassiererin anscheinend auch. Sie starrt den wertvollen Lappen an und sagt: „Zu früh für so groß.“ Ich stecke den Hunderter schnell wieder ein, als wäre nichts passiert, fast schon beschämt, und frage mich: zu früh am Tag oder zu früh im Jahr? Es ist schon nach halb zehn, aber erst Anfang Januar… Ich betätschel das Zahlgerät mit meiner Karte, froh, wieder zurück in der einstudierten Bezahl-Routine zu sein. Pin getippt, fertig, ab in die Umkleide und rein ins chlorreiche Vergnügen.

Am Beckenrand stehend denke ich: zu früh für so voll. Doch was wundert mich das Schwimmgemetzel, es gibt schließlich viele Vorsätze zu erfüllen, egal wie. Panisch planschend. Manche zappeln hündisch oder gleiten froschig. Und andere können’s einfach. Überall spritzt und schäumt ein feuchtes Feuerwerk. Ich steige ins Wasser und schließe mich den Fröschen an.

Ich bin vorsatzfrei, ich habe also nichts zu verlieren. Ich mache da weiter, wo ich im alten Jahr aufgehört habe. Pausenloses Bahnenziehen bis eine Dreiviertelstunde vorüber ist. Heute inklusive Ausweichmanöver. Zu viele für so früh. Lieber würde ich zum Zwischen-den-Jahren-Nimbus zurückkehren und mich von nichtssagenden Neujahrswünschen einlullen lassen. Das war alles so schön eingekapselt, wohlportioniert und risikofrei. Zwingend unverbindlich. Doch das Neujahrsgetröte ist ab heute vorbei. Ich merke wie das Jahr langsam zu wogen beginnt und mich zum Bad in seinen unvorhersehbaren Wellengang einlädt. Der Frosch in mir setzt zum Sprung an. Er quakt mir zu: Es ist keineswegs zu früh!

Photocredit: Mobin Jahantark/Unsplash

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