Mein Heute von gestern

Ich weiß, jetzt ist nicht mehr das Heute von gestern. Sorry, meine Nachricht kommt ein paar Minuten zu spät. Aber was machen die schon aus? Ein Versprechen, könntest du jetzt sagen, und ich hätte kein Gegenargument. Ich hab’s nicht gehalten. Aber nachgeholt. Geht das überhaupt? Versprechen lassen sich nicht verschieben. Aber manchmal fallen sie blöd, liegen rum wie spätreife Äpfel, bis sie die Zeit frisst. Im Uhr-Maul zermalmt vom zickig tickenden Sekundenzeiger. Was kann ich dafür, wenn gestern so schnell vorbei war? Für mich ist es immer noch heute, so wie heute für mich morgen ist, ich habe ja noch nicht geschlafen.

Wo bist du überhaupt? Vielleicht ist es bei dir noch gar nicht heute! Bist ja immer unterwegs. Deshalb musste ich dir diese Sache auch elektronisch schicken, wir sehen uns kaum mehr. Persönlich hätt ich’s dir einfach in die Hand gedrückt. Wir wären beide im selben Heute gewesen, unsere Zeitzonen hätten sich gekreuzt. Die fiesen Uhrzeiger hätten uns nichts weggefressen. Die Zeit hätte uns gehört, sie wäre ganz gewesen, das Versprechen weder angefault noch angeknabbert. Und vor allem wäre es für niemanden von uns beiden schon morgen gewesen.

In zwei Tagen wird heute schon vorgestern gewesen sein. Und gestern wird dann noch länger zurückliegen. Wenn ich nur daran denke… Die Zeit hat bis dahin mein Versprechen längst verdaut. Und du wirst noch nicht mal in dein E-Mail-Postfach geschaut haben. Da lungert mein schlechtes Gewissen rum. Schau doch endlich rein! Dann würdest du sehen, dass ich heute, also an meinem heutigen Gestern, an dich, an diese Sache gedacht habe.

Es waren nur ein paar Klicks, hochladen, tippen und ab damit: zeitlos langweilig. Hätte ich das schon gestern gemacht, hätte es sich genauso angefühlt wie heute. Oder wie es sich morgen hätte anfühlen können. Mein Gott, was bringen diese Grübeleien? Diese gebetsmühlenartigen Fahrradketten, die sich in meinen Hirn in Gang setzen?

Hast du eigentlich gestern den ganzen Tag darauf gewartet? Oder sogar schon die Tage vor gestern, vor-, vorvor-, vorvorvor-…. Gestern. Vorbei, wieso noch darüber nachdenken? Heute wird besser und morgen ist noch weit weg. Bis es soweit ist, suche ich nach dem Jetzt. Weil morgen morgen schon wieder was anderes ist und heute nicht mehr heute sein wird. Und an gestern denkt dann sowieso keiner mehr. Du schon? Wenn du übermorgen die Nachricht siehst, wirst du ans Gestern von heute denken, ganz bestimmt. Weil du dann endlich sehen wirst, was du bis gestern verlangtest, heute hättest haben können aber erst dann, am heutigen übermorgen, auspacken wirst. Rein metaphorisch. Meine Versprechenseinlösung kommt ohne Geschenkpapier. War ja kein Wunsch, sondern eine Forderung.

So, und jetzt bin ich dran: Sehen wir uns endlich wieder an irgendeinem Übermorgen, das ganz bald heute sein wird? Du musst mir nichts versprechen. Hauptsache unsere Heutes laufen sich wieder mal über den Weg und verbringen ein bisschen Zeit gemeinsam im Jetzt.

Fotocredit: Unsplash/Kaja Kadlecova

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