Tirópita – damals in Karlsruhe

Ich stieg aus dem Bus und war am Bahnhof. War angekommen, dort, wo alle immer nur weg wollen. So schnell wie möglich, am besten mit einem Pappbecher in der Hand. Meine Finger waren kalt wie immer, nicht kaffeegewärmt. Dafür raschelten sie, wenn ich sie bewegte. Die Brötchentüte war schon ganz zerknautscht. Irgendwas mit Käse Überbackenes hüpfte darin, weil ich meine Hände vor Aufregung nicht still halten konnte.

Eine Laugenstange hatte ich zuvor durch meine Speiseröhre gedrückt, auf der verzweifelten Suche nach Beschäftigung, um die letzten Minuten der Vorfreude zu verzehren. Diese freudige Aufregung zehrte schon lange genug an mir. Mit der weichen Teigmasse wollte ich sie ersticken. Dabei soll sie doch die schönste Freude sein. Aber eigentlich ist sie nur nervöse Langeweile.

Die hatte ich hinter mir, als ich am Bahnhofsvorplatz stand. Mitten im Moment, den ich wochenlang herbeigesehnt hatte. Ich konnte es kaum glauben, dass ich tatsächlich gerade an dem Ort war, der mich nicht interessierte, diese Stimmen hörte, die mir egal waren, und gegen einer Mauer lehnte, die ich gar nicht brauchte. Und doch schimmerte alles fabelhaft zukünftig in meinen Augen, selbst die charmelosen Gesichter der Menschen, die gerade aus zischenden Bahntüren ins murmelnde Getümmel geplumpst waren. Ich vergewisserte mich, dass diese herbeigesehnte Zukunft jetzt auf einmal Gegenwart war, ich nicht mehr weiter hinein-, ihr entgegenlaufen konnte. Indem ich meine Brötchen-Hände zum Rascheln brachte, dabei meine Schmuck-Handgelenke klirrten und meine T-Shirt-Schultern knisterten. Mitten im Bahnhofslärm waren es nur diese Geräusche, die ich auf meiner Haut spürte, die wirklich zählten.

Du warst aber noch nicht da, mein echter Klang noch unvollkommen. Mein Herzschlag stolperte durch sein eigenes Echo, die Laugenstange fühlte sich sehr einsam im Magen, meine Beine überlegten ernsthaft, sich zu setzen.

Doch dann verwirklicht sich lang Geplantes. Das Vorhersehbare wirkt wie ein Wunder. Unser Zusammentreffen ist wie ein Zufall. Du kommst mir entgegen, ohne mich zu sehen. Ich schaue und staune, dass ich dir nicht rufe. Der Schock zu tief, um Worte zu finden, Tränen zu lachen, Gesten zu tanzen, die diesem Augenblick würdig wären.

Erst ein, zwei Schritte, dann ein Sprint in deine Arme. Mein Herzschlag-Echo ist verhallt, die Laugenstangen-Einsamkeit verdaut. Riechen, fühlen, schauen, reden, küssen – alles funktioniert auf einmal gleichzeitig. Deine Hände, deine Augen, dein Mund. Vor mir, bei mir, an mir. Deine Jacke, deine Schuhe, dein Rucksack – darin raschelt es. Du ziehst eine weiße, zerknitterte Tüte heraus. Tirópita*. Auch du hast an Essen für mich gedacht.

Wir tauschen Tüten. Wir beißen beide Brot und laufen durch den Lärm. Dem wir entfliehen mit unseren käsigen Küssen.

*griechische Teigtasche mit Käsefüllung

Photocredit: Priscilla du Preez/Unsplash

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