Handy hoch!

Handy hoch! Oder die Chance verstreicht. Der Moment verbleicht. Erweicht – und zerfällt in tausend Tonsplitter…

Der DJ schleudert Schallscherben in die Menge, die er fleißig am Mischpult töpfert. Er knetet Knöpfe, richtet Regler und konstruiert eine Klangsphäre aus Electrobeat-Fetzen, ein Musik-Mosaik, eingängig genial. Seine Schöpferscheibe dreht sich pausenlos, er mischt, zerbricht und puzzelt neu zusammen, was sein Genie ihm einflüstert. Daher die großen Kopfhörer, damit seine Geistesblitze nicht wegflitzen?

Richtungslos schießen die Schallscherben durch die Halle, treffen auf scharfe, kunterbunte Lichtstrahlen, die den Beat in hippe Happen teilen. Die snack-gierigen Ohren freuen sich, schnappen zu und verschlingen die bröckelige Electrobrühe. Die Ohrmuschel zittert erregt, das Trommelfell vibriert nervös – die Ohren sind wild beschäftigt, der Gehörsinn ist rauschig. Die restlichen Sinne wie betäubt.

Die Augen schauen einfach nur, am besten durch eine Sonnenbrille. Die Zunge unterscheidet Bier von Gin Tonic, ohne sich ein Geschmacksurteil zu bilden. Einfach runter damit, der Körper braucht Treibstoff. Die Nase horcht nur dann auf, wenn ihr süßer E-Zigarettenrauch in den Löchern kitzelt. Die Hände beklagen sich nicht, auch wenn sie in der Klammergriff-Starre nur stur den kalt-feuchten Getränkebecher halten. Sie würden selbst vergessen, was sie tun, würde der Blickt sie nicht hin und wieder zufällig abtasten. Manchmal gibt der trockene Mund ein lautloses Kommando und die Hand führt lethargisch-routiniert den Becherrand an die Lippen.

Kurz gesagt: Alles funktioniert auf Sparflamme, nur das Gehör gönnt sich ein Feuerwerk. Der Beat brummt, macht überraschend eine elegante Schleife, humpelt kurz und nimmt Anlauf zur nächsten geilen Nummer.

Irgendwann fällt dem DJ nichts mehr ein, alles Kneten, Regeln, Vermischen und Puzzeln hilft nichts. Vielleicht hätte er noch mehr drauf, er darf aber nicht mehr weiter seine Musik verschleudern. Seine Zeit ist um, er ballert nochmal Tonsplitter und Beat-Fetzen, zeigt, was er so drauf hat und lässt sein Musik-Mosaik-Werk sanft ausklingen. Er lässt sich kurz von der Menge feiern, dann packt er zusammen und wackelt davon, als hätte er sich in seinem eigenen noch nachklingenden Mucke-Mobile verheddert, schwankend, mit steifem Nacken und rudernden Armen.

Die Menge jubelt, als die Astronauten kommen. Sie haben zwei Außerirdische dabei: In ihren silbernen, auf Hochglanz polierten Köpfen, stecken die Augen in tiefen Mulden, sodass sie keine Vermutung zulassen, in welchem Farbton ihre Seele scheint. Ihre Nasen ruhen unter markanten Hügeln, ihre Münder vermutet man unter der dezenten Kerbe, die ein gleichgültiges Lächeln formt. Ihre Kopfform ist ganz human, genauso wie ihre Körper, die sich auf das DJ-Pult zubewegen. Bevor sie sich ans Tönebasteln machen, werfen sie surreale Videos von ihrer Bruchlandung auf die Erde an die Wand. Das Publikum sollte schon wissen, wen sie vor sich haben und welch abenteuerliche Reise sie für diese Performance auf sich genommen haben. Storytelling macht sie sympathisch, das Publikum empathisch – der beste Köder, um ihnen im nächsten Moment die Ohren mit krassem Beat vollzudröhnen. Sie zerschmettern mit ihrem futuristischen Klangkarussell jeden Zweifel, dass das hier eine übliche Electro-Party ist. Sie kitzeln die in einem monotonen Tontunnel festgefahrenen Sinne der Partymeute, die anfängt, sich nervös nach dem Smartphone abzutasten. Das ist ja schon was Geiles, was hier passiert – das darf man doch nicht einfach so passieren lassen. Die Aliens schießen los und ballern ihre Sound-Kreationen in die Menge. Da kann sich keiner mehr halten: Handy hoch!

Die Feiernden können sich diesem Reflex nicht entziehen, sie müssen diesen Moment einfach konservieren, um ihn so schnell wie möglich zu publizieren. Irgendwo, wo’s jeder sieht, ferne Freunde und fremde Follower. Festhalten, teilen, schnell wieder loswerden. Keine Zeit zum Genießen, zum einfachen Moment-Aufsaugen. Augen zu, Einatmen und Aufnehmen funktioniert nicht ohne Augenöffnen, Ausatmen und Hinausbrüllen. Miterleben und doch alles verpassen. Wie sie jetzt alle dastehen mit ihren Smartphone-verlängerten Armen, in die Höhe gereckt auf der Suche nach der coolsten Perspektive. In der Sorge, den Moment unwiederbringlich zu verlieren, verpassen sie ihn tatsächlich, festgekrallt am Handy lassen sie ihn los. So verläuft der Abend, so vergeht die Nacht. Aliens machen Musik, Handys machen Fotos. Und die Menschen schauen zu, tanzend, trinkend, torkelnd.

Photocredit: Unsplash

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