Bäume lauschen leise

Immergrün und niemals nackt. Vor Stolz strotzend legen sie ihr stachliges, nie welkendes Wesen als Stärke aus. Von Smaragd und Turmalin bis Jade stellen sie ihre grün gestrichene Standhaftigkeit zur Schau, unbeirrbar, unbelehrbar. Selbstbewusst mit Nadeln bekleidet recken sie sich in die kalte Luft, deren sanfte Böen ihre Gewänder zum Zittern zwingt. Wenn der Wind mal stärker aufbraust, ist das auch kein Problem für sie. Die dürren, identisch scheinenden Nadeln sind ganz verbissen in ihre Arme gepikst. Millionenfache Stechwunden, die die Bäume vorm Nacktsein schützen. So fühlen sie sich im Vorteil gegenüber ihren laubigen Nachbarn. Die enthüllen ihren blanken Körper, wenn die Welt sich in grelles Grau kleidet. Wenn sich die Luft ihren mundwarmen Atem abschnürt und nur noch kalt durch die Nase schnauft. Wenn die Menschen sich in Mänteln verpacken. Dann stehen sie da, ganz nackt und aufrichtig. Demütig und ehrlich schweigen sie in die leise pfeifende Winterstille. Sie stehen da, so weise weil verletzlich, so sensibel weil verwundbar. Und doch sind sie so stark, diese strammen Stämme mit ihren leeren Lungen. Mit all diesen Verästelungen, durch die kein grünes Blätterrauschen mehr saust. Ihre Laubperücken, die sich im Herbst in wärmstes Gelb, strahlendstes Orange und verliebtestes Rot färbten, vermissen sie nicht. All die Bewunderungen, die ihnen die Menschen mit in den Nacken gelegtem Kopf, offenem Mund und weit aufgerissenen Augen in ihre Frisur riefen, waren nette Schmeicheleien, weiter nichts. Jetzt aber können sie dieses Dauer-Säuseln auskosten, das die kalte Alltagsluft schwängert. Diese von Windstößen angefeuerte Melodie, die sie in ihrer Wintermeditation begleitet.

Diese nimmergrünen Laubbäume lauschen leise. Sie lassen sich keinen Ton entgehen, jetzt wo ihnen keine Blätter mehr um die Ohren flattern. Sie beobachten still und starr, jetzt wo ihnen keine schwer beladenen Äste vor den Augen hängen. Sie schmecken und riechen Aufbruchsfrische in der Luft, das große Versprechen auf den bevorstehenden Frühling. Jetzt wo ihre Nasen nicht von Laub verstopft sind, genießen sie die Natur, von der sie sonst nur von den Menschen hören. Von der sie sonst nur Teil sind ohne sie zu erleben. Sie sind ausgebrochen aus ihrer dekorativen Statistenrolle. Nun leben sie, nun fühlen sie. Sie lassen sich vom Sein überwältigen. Nackt und wehrlos.

Sie haben ihren nadeligen Nachbarn viel voraus. Denn Kleider täuschen, hindern, fälschen.

Foto: Unsplash/Simon Berger

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