Wir kleben fest am Pflaster, das die Jahre heilt. Mühevoll wandeln wir den klebrigen Boden entlang, fiebern mit aufgesetztem Optimismus und naiver Hoffnung der Genesung entgegen, die nach Raclette-Käse und Wunderkerzen-Funken riecht.
Die Wunden dieses sterbenden Jahres haben es eilig. Nur gut vernarbt und oberflächlich heil wollen wir mit ihnen den Kopfsprung wagen, hinein in Erwartungen und Ziele. In das, was wir schon kennen und ahnen, nur neu herausgeputzt und frisch angestrichen. Die leicht veränderte vierstellige Zahlen-Folge packt uns schon am kleinen Finger und will uns zu sich ziehen, es lächelt und blinzelt ganz freundschaftlich, so als würden wir uns schon ewig kennen. Verführerisch? Verhängnisvoll?
Doch immer noch tun wir nichts als über dieses Pflaster zu waten. Was sollten wir sonst tun an diesen Tagen zwischen-den-Jahren, diesen zähen Stunden, in denen wir warten und geschäftig supermarkten. Um dann, wenn es so weit ist, ordentlich zu fonduen und feuerwerken. So als hätten wir es selbst in der Hand, wann und wo und wie.
Irgendwann ein lautes „Ratsch“. Das Pflaster löst sich, das Waten hat ein Ende. Wir wissen wann’s passiert, wann der freie Fall beginnt, in diese neue Unendlichkeit an Möglichkeiten. Hinein in Wunden, die nicht rechtzeitig verheilten. Die offenklaffen, gierig nach frischem Futter. Sobald neuer Geschmack ins Spiel kommt, kann auch die Zeit keine Wunden mehr leerlecken. Der von unbändigem Appetit angeregte Speichelfluss der Verletzungen ist zu stark, das Becken füllt sich mit Blut und Rot. Die Zeit lässt uns abhärten aber nichts wirklich abheilen. Doch genug mit grauen Vorahnungen. Denn wir können auch nach oben fallen. Wer weiß, vielleicht wird es tatsächlich endlich ein Neuanfang?
Zwischen-den-Jahren kleben wir an den abgestandenen Monaten und klammern uns an das Unertastbare, das noch ganz fad schmeckt, farblos ist und uns mit seiner undefinierbaren Frische lockt. Froh erklingen die Wünsche bei klirrenden Sektflöten und schäumendem Champagner. Der Bauch knurrt zufrieden, der Kopf rauscht gedankenlos. Ein Moment der Unbeschwertheit, herbeigesehnt, einstudiert, abgespult wie jedes Jahr.
Das Herz sehnt nach Vorsätzen, die nichts beschönigen: Auf ins Neue, Unbekannte. In Gutes und Schlechtes. Angstfrei, vorbereitet auf Lust wie Leid. Aufbrechen, loslegen, das Pflaster selbst abziehen. Entschieden und befreiend. Endlich die Wunden überwinden, dem Wunderbaren winken.
Photocredit: Unsplash