Christbaum schüttel dich

Jetzt haben Straßen wieder virtuos geschwungene Kronen aus weiß-gelben Lichtern auf. Das wirkt für manche magisch, andere brüllen den Lichtlein lediglich ihr langgezogenes Glühweingähnen mit rot leuchtender Nase entgegen. Gegen diese Nasen sind die blinkenden Sterne und Engel, die aus allerlei Häusern starren, gar nichts. Unauffällige Deko, eingerahmt in Straßengirlanden und feuchtfröhlich eingebettet in Weinachtsmarkt-Tinnitus. Bei diesem Anblick schmeckt der vierte Zimtstern, groß und fettig. Die ganzen Eindrücke samt letztem Bissen gründlich runterspülen – vielleicht doch mit einem Kinderpunsch? Da kommt der liebe Nachbar aber schon anmarschiert, mit ausgestrecktem Arm und Glühperol. Oder wie auch immer das Zeug heißt. Jedenfalls heiß, italienisch und bitter-süß. Das kitzelt auf der Zunge, prickelt am Gaumen und wärmt die Zimtsterne im Bauch. Die hüpfen vor Freude. Jetzt aber Vorsicht…

Ganz kugelig ist der Eingang des Kaufhauses schräg gegenüber. Eigentlich steht da ein Tannenbaum, der kann aber kaum mehr atmen vor lauter Kugelbehang. Er traut sich nicht, auch nur mit einem Zweiglein zu wedeln. Eine falsche Bewegung und das kugelige Spektakel wäre nur noch zersplitterte Katastrophe. Eigentlich kein schlechter Gedanke: All die Last abschütteln und endlich wieder zeigen, was für ein prächtiges Nadelfell er hat! Seine geheimsten Gedanken malen ein Szenario voll glänzendem Scherbenkonfetti. In das man nur kurz einen Blick werfen muss, um sofort hypnotisiert zu werden. So, wie wenn ein Stein in einen See fällt und konzentrische Kreise über die Wasseroberfläche zirkelt.

Von so einem Gedankenschweif erholt man sich nicht so schnell. Vor allem als schwer beladener Christbaum. Kurz schütteln, dann ist wieder gut. Oft zumindest. Jetzt nicht. Denn die geheim gehegte Katastrophe setzt sich in Wirklichkeit in Szene. Ganz dramatisch klirrend. Ein wahrer Ohrenschmaus. Und die Augen haben auch einiges zu staunen! Es wird gestarrt und geglotzt, manche Passanten verharren in Schockstarre, andere schreien vor Schreck. Wieder andere lachen über die Verschreckten und Verstarrten. Da braucht man keinen zu bitten, alle Vorbeilaufenden schlüpfen in die Rolle, die sie richtig finden. Da gibt’s sogar welche, die reflexartig nach einem Besen suchen, um Ordnung zu machen. Verrückt, denkt der Christbaum, für ihn ist ja jetzt erst endlich alles in Ordnung. So soll es sein. Was seine Vorgänger nicht schafften, hat er durch Einbildungskraft vollbracht. Wahrlich meisterhaft!

Unser Zimtstern-Held war nicht so meisterlich unterwegs. Anstatt Ruhe und Besinnlichkeit hat er ordentlich Glühwein getankt. Er weiß eigentlich längst: Die stimmungsvollen Lichter sind nur Kulisse, leere Versprechen, die verhängnisvoll verführen. Zu friedvoller Ruhe haben es nur die Zimtsterne geschafft. Sie schlafen schnarchend in seinem punschgewärmten Bauch und haben vom Geschepper gegenüber gar nichts mitbekommen.

Photocredit: Unsplash

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