Verrückt aber vornehm

Ich fühl mich heut‘ so französisch. Deshalb zieh ich mir meine blau-weiß geringelten Socken an. Die rufen ganz laut „Oh là là“ von meiner Ferse. Natürlich in Knallrot. So wie auch meine Lippen leuchten. Auf meinen Kopf setze ich ganz schief eine Baskenmütze. Richtig keck. Und ich sehe aus wie eine Kerze.

Zur Feier des Tages, weil ich mich so vornehm fühl, mache ich auf große Madame. Ich sieze mich selbst. Da klinge ich so schön eingebildet und verrückt.

Ich streiche mir durchs Haar, zähle kurz meine Finger und tippe mir auch die Nase. Wenn ich schon so schick bin, sollte ich auch alles dabei haben. Mein Spiegelbild zwinkert mir kurz zu, bevor ich aus der Haustür husche und ins Freie schreite.

Wieso ich rausgeh, weiß ich selbst nicht. Ich hab nichts zu erledigen. Ich geh mich einfach selbst spazieren. Führe mich aus, um zu sehen, wie schnell ich mich als Kerze von etwas entfachen lassen kann. Was kann mich heut‘ begeistern? Was meine Augen verwöhnen und amüsieren? Die hab ich nämlich auch dabei. Obwohl die oft überbewertet werden. Die können ja nicht richtig fühlen, riechen und schmecken schon gleich gar nicht. Aber sie geben mir zu denken. Jetzt, zum Beispiel, als ich gerade über den Zebrastreifen tapse. Da wackelt ein Dackel vor mir und wedelt wie wild mit seinem Schwanz. Sein Frauchen wedelt ebenso mit ihrem Hinterteil. Ein wahres Spektakel. Und ich frage mich: Madame, was meinen Sie, hat sie diesen Move von ihrem Haustier gelernt oder imitiert der Hund sein Frauchen?

Jetzt sitz ich auf einer Bank. Einfach so. Hab ja nichts zu tun. Von hier geht Beobachten fantastisch gut. Es ist, als würden meine Augäpfel einen Ausflug machen. Sie kreisen den Passanten um die Ohren. Ganz unaufdringlich. Vielleicht sind sie dann eher bereit, was Witzig-Schönes zu tun, mit dem sie mich entzücken können, mit regelrecht aufflammen lassen. Ich als Kerze brauch entzündbares Futter.

Ein Kinderwagen fährt vorbei, der hat auch einen Vater dabei. Der schiebt. Ein Pärchen hält sich an den Händen und spaziert dabei. Sie küssen sich. Die Frau hat dabei die Augen auf, wie komisch. Eine alte Frau funktioniert ihren Rollator um, macht die Bremsen scharf und plumpst drauf. Nur zehn Meter entfernt von mir, ganz trotzig. Sie braucht schließlich keine Bank, hat selber ihre Sitzgelegenheit dabei. Und ich frage mich: Werte Madame, was sagen Sie dazu? Jetzt imitiert Sie diese Dame auch noch, sehen Sie das? Die sitzt einfach da und lässt ihre Augen wandern, so wie Sie!

Und mehr passiert auch nicht. Eine Familie radelt vorbei, ein Junge bindet Schuhbänder, seine Schwester läuft ihm voraus. Sie trägt natürlich Pferdeschwanz, so einen, der bei jedem Schritt hüpft. Meine Augen kreisen noch ein bisschen weiter, ihnen wird aber langweilig. Irgendwann wird’s mir zu dumm. Ich befehle mir selbst: Madame, jetzt besser nachhause. Packen Sie Ihre Augen ein und machen Sie sich auf den Weg. Sie selbst können sich am besten selbst entzünden. Mit Ihrer unendlichen Fantasie wird Ihnen schon was einfallen.

Photocredit: Unsplash

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