Da hängt Kunst an der Wand

Da hängt Kunst an der Wand wie kleine Fenster in vergangene Epochen. Wie Spiegel, die die Gegenwart reflektieren. Wie Schilder, die uns in die Zukunft weisen sollen. Alles in Themen gebündelt und in Häppchen serviert. Genau richtig dosiert, wie diese eine Kirsche auf einem wabbeligen Turm Schlagsahne, der den Amarenabecher krönt. Damit einem gerade so die Bauschmerzen erspart bleiben. Gut verdaulich aber sättigend. Alles andere wäre unverschämt, man hat ja schließlich Eintritt bezahlt.

Da hängt Kunst an der Wand und tut so wichtig. Eingebildetes macht sich besser eingerahmt. Sonst würde als einzige Begleiterscheinung der Werke nur noch das Erklärschild übrigbleiben. Und das glotzt einen hämisch mit kryptischen Worten an, tut aber mit seiner Nüchternheit doch so, als wäre alles so selbstverständlich, fast schon gar nicht der Rede wert. Oder es gähnt einen mit verschwurbelten Wortschlangen an, die sich einen um Hals und Brust legen, manchmal sogar in den Magen bohren, wenn sie besonders fies formuliert sind. Schwere Atmung und Magenverstimmungen infolge einer verstörenden Zusammenhangslosigkeit zwischen dem, was man sieht und dem, was man liest – wer bleibt davon verschont?

Da hängt Kunst an der Wand und glotzt mich von allen Seiten an. Eigentlich sollte ich diejenige sein, die schaut und starrt. Diese spöttischen Blicke kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich drehe mich schwungvoll und mit geschärftem Blick um, die Augen konzentriert zusammengekniffen, um das Gemälde hinter mir zu erschrecken. Doch das hat anscheinend schon mit meiner launenhaften Eingebung gerechnet und sein ernstestes Gesicht angezogen. So mit schwarzen Augen und Muttermal auf der Nase – auch wenn das Bild eigentlich drei nackte Badende am Strand zeigt. Ich fühle mich von diesem Bad in Déjà-Vus bedrängt, bin umzingelt von einer Schar alter Bekannter, die mir so vertraut sind. Über die ich lernte, dass man sie bewundernswert finden darf, denen ich aber noch nie begegnet war. Alles schon mal gesehen, noch nie aber ihren scharfen Blick gespürt. Dieses Gefühl steht in keinem Lehrbuch. Es kitzelt und kribbelt und bohrt und boxt erst, wenn einen dieses von Nägeln gehaltene schweigend Starrende in einem Museumssaal herausfordert.

Da hängt Kunst an der Wand, aber ich interessiere mich nur für den seitwärts schleichenden Mann. Besser gesagt: für seine ausgeklügelte Choreographie, die er hier aufs Museumsparkett malt. Er tastet sich von einem Gemälde zum nächsten, ohne eines auszulassen. Schritt nach rechts. Kurz nach hinten und vorne wippen. Kinn fragend heben. Die Nase gefährlich weit in den imaginären Foulbereich vorschieben, der dem Werk als nutzloses Schutzschild dient. Alles kurz abscannen. Dann: Digitalkamera zücken – Smartphone kann ja schließlich jeder. Beute durch den Sucher finden und: klick. Danach ist das Erklärschildchen dran. Und von vorne: Schritt nach rechts. Wippen. Kinn. Nase. Scannen. Zücken. Drücken. War das etwa ein Blitz? Der ewig wandelnde Wächter setzt schon zum Sprint an. „Haben Sie gerade geblitzt?“ Und der Schleiche-Mann entgegnet nur: „Ha, schön wär’s! Sie haben ja definitiv die zulässige Höchstgeschwindigkeit in Museen überschritten.“ Blitzlos aber nicht witzlos.

So bin ich auch unterwegs. Inmitten dieser schweigend-starrenden Schar, die sich Kunstwerk nennen darf. Nur weil sie es in ein Museum geschafft hat. Weil elitäre Willkür gerne den Ton angibt. Und dem war ich heute mal brav gefolgt, bin deshalb ins Museum gestolpert. Doch mein Urteil lasse ich mir nicht vorgekaut in den Mund legen. Deshalb stelle mich auch mal an einen freien Platz an der Wand, wenn der Wächter gerade nicht schaut. Bin ich dann nicht auch ein Kunstwerk?

Photocredit: Unsplash

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