Zum Kaffeetrinken trägt man Sonnenbrille, Kaschmirschal und am besten noch Sommersprossen, das macht sich gut in der Novembersonne. Hier, wo doch alles geschäftig und wichtig ist, in einer Stadt, wo man Diplomaten an der Dönerbude trifft und Politiker am Pommesstand. Und die Sonnenanbeter findet man eben auf den Café-Terrassen, die eigentlich Bürgersteige sind. Ganz großstädtisch-entspannt.
Ich sitze da auch gerade. Natürlich mit Sonnenbrille, Sommersprossen hab ich zum Glück auch. Nur mein Schal ist nicht auch Kaschmir, aber trotzdem weich. Eine Freundin hab ich auch dabei und so sitzen wir Schulter an Schulter am runden Metalltisch, der bei jedem kleinen Windstoß scheppert, weil ihm ein Bein zu kurz gewachsen ist, und recken unsere Hälse ganz lang, um der Sonne näher zu kommen und so viel Wärme wie möglich aufzusaugen. Die Speicher müssen gut gefüllt sein, sonst starten wir nicht in den Winter.
Aber auch unseren Koffeinspeicher müssen wir wieder mal füllen. Meine Freundin also rein ins Café, hier bestellt man nämlich ganz cool und kompliziert am Tresen. Nach fünf Minuten ist sie wieder da, mit zwei Cappuccini und ganz schelmisch grinsend und sagt: „Die beiden sind ja noch sowas von vorgestern.“ „Wen meinst du?“, frage ich. „Na die zwei Barmänner. Die sehen aus, als wären sie von vorgestern übriggeblieben.“ „Du spricht über Menschen, als wären sie Brötchen“, sage ich. „Ach, du weißt schon, was ich meine. Die haben ewig Party gemacht, durchgefeiert und dann einfach neben der Theke geschlafen, weil sie so fertig waren. Und am nächsten Tag wieder. Weil der Holzboden immer noch bequemer ist als auf einer gittrigen Metallbank auf den Bus zu warten.“ Da sage ich nur: „Was du dir nicht alles zusammenfantasierst. Du kennst die Typen ja gar nicht.“ „Da hast du schon recht, aber ich hab da ein Gespür für. Für Menschen und was sie wie wann machen, was keinen Sinn macht. Schon zu oft selbst erlebt“, sagt sie und wischt das Argument auch gleich mit einer Handbewegung weg. Dann zeigt sie auf meinen Cappuccino. Der lächelt und glotzt ganz irre, aber irgendwie süß. „Das ist das Meisterwerk eines der Vorgestrigen“, erklärt mir meine Freundin. „Super konzentriert machte er auf Barista und hat den Milchschaun ganz umständlich auf den Espresso gekippt. Ich dachte, da kommt jetzt was Fantastisches bei raus, Schwan oder so. Letztendlich war’s nur ein Smiley. Aber hey, in seinem Zustand von vorgestern echt eine Leistung.“
Ich lächle den schief schmunzelnden Milchschaum an, der mir nach dieser Anekdote doch ganz sympathisch ist. Und frage mich: Von wann bin ich eigentlich gerade? Bin ich ganz frisch oder noch von gestern? Oder vor lauter Nichtserwartenkönnen schon im Morgen? Und sollte ich mal bisschen im Vorgestern wühlen, um das Übermorgen besser zu ertragen?
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