Wolken kuscheln lila

Immer marionettenhafter, immer rauschender. Der Beat stockt, die Melodie stolpert. Das Bassgedröhne bekommt Husten und das Klaviergeklimper fällt in Ohnmacht. Fragmente einer Melodie verfolgen sich in staccato, lassen an den unmöglichsten Stellen Pausenhäufchen fallen, die die zusammenhangslosen Laute geräuschlos verbinden. Im Auto, auf der Autobahn und der Radiosender bekommt nicht mehr genug Frequenzfutter. Da verlassen die kreisenden Gedanken ihr Hamsterrad. Das abgehackte Radiogedöns wirkt wie ein Energydrink für die auf Autobahnmodus gestellten Synapsen. Man ist ja nur einen Knopfdruck entfernt von Klara…

Sendersuche – kurze Stille – und schon ist Klara da.

Klara trommelt. Unregelmäßig, rhythmisch. So, dass manche das vielleicht sogar als „exotisch“ beschreiben würden. Halt irgendwie toll, nur ungewöhnlich für den Durchschnittsradiohörer. Langsam dämmert es, die Abendluft versprüht einen Hauch Dunkelheit. Die Gegenfahrbahn fängt zu glühen an. Hunderte Autolichter glänzen in unterschiedlichen Gelbspektren und gleiten unisono diese eine unausweichliche Richtung folgend über teeriges Grau. Wie an Schnüren gezogen, sie können nicht aus, rauschen in dieser zwanghaften Choreographie über die Fahrbahn, ihren Marionettenmeister. Der zeigt den Weg und lässt keine Wahl und man macht einfach mit und man lenkt, so wie man muss, weil es doch nicht anders geht. Ein visueller Gegensatz zum rhythmischen Hörerlebnis, das einfach tut, was es will. Holprig, temporeich, Hauptsache nicht vorhersehbar.

Klara spielt argentinisch. Oder spanisch. Oder doch portugiesisch? Der Songwechsel stimmt mich ganz südländisch. Kaum setzt der raunende Gesang ein, ist alles draußen in nostalgisch glimmerndes Orange getaucht. Hell und doch mit einem Sepia-Filter. Mit einem unterschwelligen Grauton als würde eine Erinnerung an dieser Atmosphäre haften, nach der ich in meinem Kopf krame. Ich finde nichts und doch bin ich mittendrin in diesem Naturspektakel – beim Bewundern aber ganz allein. Wie nehmen die anderen Autofahrer diesen Stimmungswechsel durch ihre Windschutzscheibe wahr? Merken sie überhaupt was? Bilde ich mir alles nur ein? Aber das kann doch nicht sein, der Tag verabschiedet sich so lautstark wie schon lange nicht mehr, er brüllt sein Adieu in knalligen Pastellfarben vom Himmel. So warm und umschmeichelnd, ein Farbenbad wie eine Erinnerung, die einen ausgerechnet auf der Autobahn einholt.

Klara kann noch gefühlvoller. Jetzt singt sie melancholisch und wiegt mich in langsamen Klängen. Die Wolken kuscheln sich zusammen, schmusen und erröten gen Horizont ganz lila. Sie leuchten rosig, umarmt von orangefarbenem Licht, das sich durch die sich erst kennenlernenden, noch nicht umschlungenen Wolken boxt. Darüber Dunkelblau vom Feinsten, so wie es nur Kinder zu malen wagen.

Klara singt und spielt und trällert. Klara knipst die Lichter an. Klara lenkt Farbspektren in ungeahnte Bahnen. Und Autofahrer staunend über die Fahrbahn. In ihrem gewohnt-gezwungenen, schnurstraksen Autobahn-Tanz. So unoriginell, nur zweckgerichtet. Doch Klara kappt die Fäden des Marionettenmeisters. Sie zwingt der Fahrbahn einen neuen Anstrich auf, ob der Maître das will oder nicht. Und die Puppen, Figuren, ja eigentlich Menschen in ihren Autos haben endlich diese Chance: anders auf den immer selben Wegen zu fahren. Naturbeeinflusst, nicht fremdgesteuert.

Photocredit: pixabay

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