Mit jedem Schritt, mit jedem Blick

Mit jedem Schritt lecke ich gedankenverloren an den vergangenen Erlebnissen. Die Füße saugen den Lebenssaft aus dem Herzen dieser rot-orange-gelb leuchtenden Stadt, in der Hoffnung, den Körper endlich wieder mit diesem vibrierend-neugierigen Rhythmus zu durchfluten. Die Schuhe will ich daher kaum mehr vom Boden heben, sie schlürfen die kuriosen Straßenverläufe entlang, streicheln den glatten Bodenbelag unter den Bogengängen und wischen zärtlich über Plätze und Universitätsgänge.

Die Sinne erinnern das Herz an dieses eine Gefühl. Das ich hier immer hatte, ganz selbstverständlich. An das ich mich immer wieder zu erinnern versuche, das ich nun nachfühlen möchte. Das die Luft mit strenger Süße tränkt und nach all den Jahren anders schmeckt.

Mit jedem Blick taste ich die Erinnerungen ab, die an jeder Straßenecke haften, an unzähligen Bars kleben und mich an die unscheinbarsten, bedeutungsvollsten Orte ziehen. Wie in einem klebrigen Spinnennetz, das ich mir vor Jahren selbst gebaut habe, fühle ich mich gefangen in einem vom Schicksal vorgegebenen Bewegungsradius. Straff gespannt zieht mich jeder Faden dieses Netzes an seinen Extrempunkt; führt mich dort hin, wo ich oft war, wo ich oft gern wäre und wo ich nun nicht weiß, was ich hier eigentlich mache.

Das Herz erinnert das Gehirn, dass Zurückkehren nur dann funktioniert, wenn man sich nicht allein auf den Weg macht. Nur in Gesellschaft mit Wegbegleitern von damals bekommt der Spaziergang in den vergangenen Alltag die richtige Würze. Allein schmeckt alles fad. Die Sinne sind überspannt, zu sehr konzentriert auf das Nachempfinden eines Gefühls, das längst erloschen ist…

…das man sich aber trotzdem zurückgewinnen möchte! Die Erinnerungen sind mein Schutzpanzer, an dem neue Eindrücke einfach abprallen, wenn sie nicht dieses majestätisch-melancholische Gefühl hervorrufen, das ich doch so herbeisehne. Eingehüllt in dieser Vergangenheit fühle ich mich wie eine Zeitreisende, unsichtbar und unverwundbar. Und doch ein wahrnehmbarer Fremdkörper und sensibel wie selten.

Vieles ist noch so wie damals. Hier in der Stadt. Die Düfte, die Geschäfte, der Kleidungsstil. Was suche ich hier, wo ich doch selbst nicht mehr die von damals bin? Ich balsamiere diese, meine alte Lebenswirklichkeit ein, versichere mich, dass diese Welt, in der ich lebte, in der ich kompromisslos lieben lernte, weiter funktioniert, weiter ihren Lebenssaft durch die Straßen pumpt, diesen unvergleichlichen Rhythmus verströmt und die Menschen mit einem Gefühl der Unvergänglichkeit überwältigt, sie wiegt in dem Versprechen, dass alles so rot-orange-gelb, so vibrierend und köstlich, so kurios und majestätisch bleibt.

Fotocredit: privat

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