Wachsende Wunder?

Im Pflanzen-Zoo, hier ein „Ach“, dort ein „Oh“, ein nettes Sammelsurium, ein wahrliches Refugium, kommt leicht daher, wird aber irgendwann schwer, sobald der Blick die Schildchen streift und im Kopf der nie verspürte Wunsch heranreift, zu verstehen, was man doch immer suspekt fand, diese Ausdrücke, so lang und Latein, sie schmücken hübsch den Beeten-Rand und lassen einen fühlen so klein, so allein. Bisschen dumm, aber modern. Auch kultiviert, steht man doch mittendrin im Grün, im wohlgeformten Gestrüpp. Sonntagnachmittagsausflugsatmosphäre. Herrlich bieder, aber beautiful.

Hier im botanischen Freiluft-Laboratorium zeigt sich die Pflanzenwelt wider ihrer Natur. Zurechtgestutzt und aufgetakelt. Ein Museum aus Bäumen, Blumen und Büschen zeigt stolz seine Kollektion aus wachsenden Wundern. So unspektakulär. So paradiesisch einfach, dass jeder Tagträumer wie im Rausch Slalom über die schlingernden Pfade, die romantischen Brücklein und durch die schwülen Tropenhäuser läuft. Blicke bleiben an Blüten hängen. Gerüche graben sich ins Gehirn. Farben flackern zwischen Flieder und Farn. Wer Schönheit sucht, wird hier beglückt. Wer Wahrheit braucht, wird hier verrückt.

Warum ist das nun so suspekt? Weil Zweifel an unserem Verstand rumleckt? Weil diese gezähmte Natur so unnatürlich ist? Weil sie Grenzen einhält, die die Wildnis misst? Weil wir uns hier doch selbst anschauen! Wir menschlichen Pflänzchen, darauf trainiert, in Maßen zu gedeihen, gemäß willkürlicher Konventionen. Ja nicht zu kurios und komisch. Immer darauf getrimmt, gerade in die Höhe zu wachsen, ohne krumme Triebe. Immer schön brav fehlerfrei, der eigenen Reputation zuliebe. Damit wir uns irgendwann mit einem hübschen Schildchen schmücken können, einem Titel, der für „Achs“ und „Ohs“ sorgt, uns selbst aber verkümmern lässt zu charakterlosen Wesen. Reduziert auf das, was kontrollierbar ist, man stutzen, schneiden, zähmen kann. Sodass wir äußerlich aufblühen und innerlich verwesen.

Photocredit: privat

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