Wahrheit, Freiheit. Arbeit?

„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Wie eine Selbstverständlichkeit strahlen die Großbuchstaben gülden von den Universitätsmauern. In der Stadt mit der Freiheit im Namen, wo Sehnen und Träumen zum Machen und Sein wird.

Die Einwohner sind im ungestressten Lebensrausch, haben die Essenz der goldig schimmernden Parolen durch ihre Körperglieder, durch Geist und Hirn gejagt. Wie ein Mantra? Vielleicht. Eine einleuchtende Alltagsphilosophie. Ein Lebensgrundsatz, eine einfach formulierte Botschaft, die ihrer Simplizität wegen anderswo nicht ernst genug klingen würde. Belächelt und als romantische Spinnerei abgetan würde. Wäre ja sonst so einfach. Zu einfach.

Ja, einfach aber befreiend. Naiv vielleicht? Wohltuend. Das spürt man, wenn man ihm zusieht, dem Barfußläufer, der die Wahrheit mit nackten Füßen sucht und so selbst an diesem kühlen Frühlingstag einen Freiheitstanz sanft aber entschlossen auf die Pflastersteine malt.

Auch wenn man die Marktleute beobachtet, die liebevoll ihre Produkte verkaufen, ihren Kunden bei der Beratung tief in die Augen blicken, um herauszufinden, welcher Typ von Käseliebhaber ihnen gegenübersteht.

Und wenn man den Geschäftsleuten zuschaut, die den leichtfüßig plätschernden Mini-Bach, der die Fußgängerzone durchquert und womöglich bei einem Stolper-Malheur über die Partnerwahl entscheidet, als Erweiterung des Schaufensters nutzen und ihre Gummienten darin den puren Lebenssaft lecken lassen.

Unglaublich, dass im selben Land, vier Busstunden entfernt, eine von Bankentürmen überhäufte Business-Stadt liegt, wo die Lebensgrundsatz-Paradigmen in die entgegengesetzte Richtung zu verlaufen scheinen.

Dort diktiert das Ticken des Sekundenzeigers den Alltag.

Dort herrscht keine Harmonie. Nur ein Überlebenskampf, der zwischen gut verdienenden, schlecht gelaunten Anzugträgern und einer bettelnden, verzweifelten Individuenschar ausgetragen wird.

Die einen glauben an die Wahrheit ihres Erfolgs, an ihre Ambitionen und Karrierechancen. Die anderen glauben nichts mehr, ihnen ist seit Langem klar, dass wahre Gerechtigkeit hier nicht existiert.

Die Wahrheit zieht hin und wieder in Form weißer Wolken über die Stadt hinweg. Hoffnungsschimmer von kurzer Dauer: Die Wahrheitsankündiger werden sofort von den Bankentürmen in miserable Flöckchen zerrissen, die keine Verkündigungsberechtigung mehr haben.

Denn dort herrscht ein anderes Gesetz.

Obwohl doch seit langem klar sein sollte, dass Arbeit keine Freiheit bringt.

Photocredit: Unsplash

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