Reisen auf Gleisen

Reisen auf Gleisen, nicht immer preiswert, kaum weise. Immer wieder dieselbe Einsicht. Die sich bis zum nächsten Mal verflüchtigt. Noch eine Chance für diese Bahn, wollen wir doch raus aus diesem Wahn: stets schneller und weiter, so wie es sich gehört in einer bequemen Welt. Was aber eigentlich nur eines ist, unerhört, aber der Wandel, der kostet eben Geld.

So wie das Ticket für eine Fahrt durch halb Deutschland. Sitzplatzreservierung? Nein, danke. Ich fahre ja alleine, irgendwo wird’s schon noch ein Plätzchen geben. Nein? Dann eben auf dem Boden zwischen Toilette, Mülleimern und Abteiltüren. Bis die Pobacken taub werden und einem der vierte Trolley über die Zehen fährt. Bis einem wankende Passagiere auf dem Weg zum Bordrestaurant fast in den Schoß fallen und der Ticketkontrolleur milde lächelnd an einem vorbeispaziert.

Reisen auf Gleisen, in weißen Zügen, immer heiß, das sind keine Lügen. „Klimaanlage“, es ist nur ein Wort, und schon denkt man an den einen Ort, wo Passagiere stehen und diese Kühlmaschinen nie gehen. Zumindest in einem Wagen ist sie aus, stöhnend und hechelnd will man einfach nur raus.

Irgendwann wird dann doch ein Platz frei. „Ggf. reserviert“ steht an der Kopfstütze. Ein Schriftzug, den man in hundertfacher Ausführung in jedem Abteil bewundern kann. Nichtssagend und trotzig stellen sich die starren Sesselohren auf taub. Fragende Blicke bekommen keine Antwort. Müde Beine setzen sich einfach.

Reisen mit der Eisenbahn? Weil ich mich so unwohl fühle alleine auf der Autobahn. Wieso nicht fliegen? Ich will, dass die Klimaziele siegen. Dafür muss ich sie eingehen diese Kompromisse, auch wenn ich dann die Bequemlichkeit vermisse.

Irgendwann taucht natürlich Frau „Ggf.“ auf und beansprucht ihren Platz. Fortgejagt und ausgelaugt geht es zur nächsten Gepäckablage. Locker lässig kann man sich hier gegen die Stangen lehnen, die sich am Nacken ganz kalt anfühlen und über dem Becken für Halt sorgen. Der linke Oberarm quetscht die gläserne Trennscheibe gegen den angrenzenden Sitzplatz. Man denkt an die Thaimassage, von der die Freundin gerade noch über Whatsapp berichtet hat. Man selbst reibt sich die verspannten Muskeln an ICE-Stangen. Mit zwei Koffern im Nacken und vier hinter Beinen und Hintern. Was da wohl drin ist? Wie ein Kind überfällt einen die Lust, einfach alles auf einmal auszuräumen. Sich mit fremden Klamotten zu verkleiden.

In Ruhe reisen? Das lieben Leute. Dann lesen sie Lieblingsbücher in langweiligen Langstreckenstunden. Dann wischen Finger in irren Linien über unsichtbar flirrende Mini-Bildschirme. Aus Lust und Langeweile.

Irgendwann schaut man sich selbst beim Beobachten zu. Man starrt als Stehender von oben auf die Sitzenden. Als befände man sich in der privilegierten Situation. Eine irre Umkehrung der eigentlichen Verhältnisse. Wohltuend für den Platzlosen, zumindest optisch in der besseren Lage. Das Gegenüber denkt anders. Der Mann sitzt unter der Gepäckablage. Wie in einer Höhle. Er packt seinen Computer und nutzt seine Zeit scheinbar sinnvoll. Während man selbst sinniert und sich Geschichten zu den Mitfahrenden überlegt.

So ist das Reisen auf Gleisen. Was vor fast zweihundert Jahren schon aufregend war, ist es noch immer. Nur anders.

Photocredit: Unsplash

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