„Sorrow of the world, go away“.
Die klarsten, einfachsten Botschaften begegnen einem oft an den unerwartetsten Orten. Oder zumindest in den unerwartetsten Momenten. Wenn man mit den Gedanken noch ganz wo anders ist, sich aber trotzdem nicht verbietet, den Blick schweifen zu lassen, hoffend, dass sich irgendwo ein neuer Aufmerksamkeitsanker auftut, der Blick und Gedanken vertäut.
Ich dachte an die Inszenierung des Theaterstücks. Gerade eben war ich noch von der Dunkelheit des Theatersaals umgeben, von der erwartungsvollen Spannung ergriffen, etwas zu erleben, das mir neue Perspektiven aufzeigen, mich nachdenklich stimmen würde. Was man eben von einem ordentlichen Stück erwartet. Kaum wieder im Freien, im vom warmen Licht der Straßenlaternen erleuchteten tiefblauen Halbdunkel schlendernd, machten sich meine Gedanken auch alle Mühe, das Gesehene zu verarbeiten. Doch schnell wurden sie abgelenkt.
„Sorrow of the world, go away“.
Diesen Schriftzug tasteten meine Augen bestimmt drei Mal ganz bewusst ab. Für einige Augenblicke hatte ich nur diesen einen Satz im Kopf. Am oberen Ende eines meterhohen Pfahls stand er, in schwarz auf einem weißen Schild. Optisch ganz schlicht, so wie die Botschaft selbst. Auf den ersten Blick zumindest, denn in Zeiten wie diesen bedeutet ein solcher Aufruf an das Leid und den Kummer dieser Welt, sich doch gefälligst vom Acker zu machen, so viel. Und doch eigentlich nur eines: Frieden, bitte, einfach Frieden.
Der Satz begleitete mich bis nachhause. Einmal quer durch dei Stadt, 25 Gehminuten, vorbei an belebten Bars, stilvollen Restaurants, lauten Studentenkneipen. Vom Gefühl der Wärme ergriffen, das in meiner Brust mit jedem herzlichen Lachen, jeder freundschaftlichen Geste der Menschen in den Cafés am Straßenrand, auf den Gehwegen anschwoll, wurde ich unruhiger. Und doch auch dankbarer. Der in meinem Kopf herumschwirrende Satz strömte mir vom Nacken aus die Wirbelsäule entlang, sorgte für einen beunruhigenden Schauer, der über meinen Rücken tanzte. Und dieses heimelige Gefühl der Wärme infrage stellte. Aber auch bestätigte. Noch nie habe ich die Schönheit dieser Stadt so intensiv wahrgenommen. Die Freude in den Sträßchen, die magisch gedimmten Farben eines warmen Frühlingsabends, die einladende Architektur, das angenehme Rauschen aus Menschenstimmen, klakkernden Fahrrädern und schepperndem Geschirr, begleitet von Glockenschlägen. Den Frieden hier.
„Sorrow of the world, go away“.
Ein Aufruf, ein Hilfeschrei. Eine Forderung, dass jeder das Recht haben muss, sich geborgen zu fühlen, die Schönheit des Alltags zu erleben, unbeschwert zu leben. Mit den Gedanken nicht in Sorgen, Kummer und Leid gefangen zu sein, sondern sie einfach mal schweifen zu lassen, sorgenfrei.
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