Im Abend-Öffi

Zischend und ruckelnd setzt der Mechanismus ein. Mit robuster Geschmeidigkeit, ungraziös aber zweckerfüllend, öffnet sich die Tür. Ich respektiere das ungeschriebene Gesetz und lasse erst aussteigen. Dann trete ich ein, in das kleine mobile Paralleluniversum der Stadt, meinen Lieblingsplatz, Busmitte-links-Fenster, schon im Blick.

Endlich, denke ich. Zehn Minuten habe ich an der Haltestelle gewartet, im Dunkeln. War aber nicht unheimlich. Ich wusste ja, dass er mich abholen wird. Überrascht war ich dann doch, in eine wohl bekannte, lang gemisste Stimmung eingehüllt zu werden. Nach dem ersten tiefen Atemzug huschte mir ganz unerwartet ein Lächeln über die Lippen. Wie oft wehte mir dieser Geruch nicht schon in anderen Städten um die Nase?

Am Abend, kurz vor acht, wenn alles noch möglich erscheint. Wenn der Abend die perfekte Party bescheren oder einen zum passenden Partner locken könnte. Wenn jeder von zuhause aufbricht und sich den Weg bahnt in eine ungewisse Nacht. Raus aus den Alltagssorgen, rein ins wöchentlich zelebrierte Ausgeh-Ritual. Wenn nichts unmöglich scheint und die Weinflasche in der Handtasche scheppert. Wenn man es kaum erwarten kann, Freunde zu treffen und noch Unbekannte zu Freunden zu machen. Dann entsteht ein Duft, der die Luft unaufhaltsam üppig schwängert.

In einen Schmelztiegel der zufälligen Duftvermengungen verwandelte sich so der Linienbus. Der hat mittlerweile einen anstrengenden Tag hinter sich. Zur Rushhour war er proppenvoll und musste schwere Last ertragen. Zu anderen Tageszeiten herrschte Leere und Stille, da war er ganz schön gelangweilt. Die unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Stadtvierteln standen und saßen in ihm, nebeneinander als Fremde und doch durch diesen präzisen Moment der individuellen Duftbeigabe zum Gesamtgeruchswerk miteinander verbunden.

Sie alle haben ihren Beitrag geleistet, diese voll Alltags-Emotionen steckende Luft zu kreieren. Den Duft von Abend-Öffi. Süßlich, gehaltvoll. Mit Charakter. Schwer und doch zu Leichtigkeit anspornend. Dick und auffällig. Universell aber nach Aufmerksamkeit haschend. Keinesfalls flüchtig, immer penetrant. Und doch angenehm, beruhigend. Denn hier scheint was zu passieren. Das sagt der Duft zu mir. Zumindest war das bis vor zwei Jahren seine Botschaft, wenn er mir in die Nase stieg.

Passiert nun das, was wir seitdem für unmöglich hielten? Soll ich darüber froh sein? Mental hatte ich mich doch schon von dir verabschiedet, Abend-Öffi-Duft. Und nun? Darf ich dir trauen? Oder bist du nur hier, um langsam verheilte Wunden hinterlistig aufzureißen, mich auszutricksen? Aber mich führst du nicht an der Nase herum. Ich bin ja schön brav auf dem Nachhauseweg. Und da setzt du mich nun auch ab. Endlich. Danke. Zum Glück. Auch wenn du meinen Körper nicht mehr umgibst, so hältst du doch meine Gedanken auf Trab. Und meine Nase im Nostalgie-Modus.

Photocredit: Unsplash

Hinterlasse einen Kommentar