Ich räume mich schon selbst auf, wenn ich möchte, wenn ich muss. So ein vorgegebener Spazierstreifen ist ja schön und gut, aber dort, stets leicht erhöht, komme ich mir vor, als würde ich ständig auf Plateauschuhen durch die Gegend schreiten: Die vorbeirauschenden Autos sind zu niedrig und ich komme mir ein Stück zu groß vor. Ein anderes Bürgersteig-Manko: Die Straße sieht von dort immer gleich aus. Öde, zum Gähnen.
Also: runter von der seitlichen Straßenbühne. Eine Lösung? Zu gefährlich? Die Autos müssen doch auch aufpassen. Und die Fahrradfahrer. Und von den Fußgängern, also einem wie mir, der friedlich herumschlendert, geht doch kaum Gefahr aus. Eigentlich… Wäre schön. So einfach. So unkompliziert. Aber irgendwie nehme ich ja doch am Verkehr teil. Und der hat nun mal Regeln.
Wenn Autos und Fahrräder gezwungen sind, sich ganz aufgeräumt auf vorgesehenen Fahrbahnen zu bewegen, wieso also nicht auch Fußgänger? Naja, letztere sind ja unbefahrzeugt, ist ja logisch, denke ich mir. Aber so ganz leuchtet mir meine Logik von früher nicht mehr ein.
Denn damals in Florenz, ich war fünfeinhalb Jahre jünger, da habe ich angefangen, nie hinterfragte Benimmmechanismen zu hinterfragen. Die bei mir im Gehirn einfach immer gleich dahinrattern. Ein verselbstständigter Automatismus, der keine bewussten Kommandos mehr braucht. Der mich irgendwie sicher durchs Leben bringen soll, indem er darauf achtet, dass ich schön brav gewissen Regeln folge. Da brauch ich gar nicht mehr darüber nachzudenken, praktisch eigentlich.
Aber was man nicht alles verpasst, wenn man diesen Automatismus nicht mal durchbricht! Hört sich übertrieben an, aber ein Gefühl der Unbeschwertheit wallte durch meinen Körper, als mir mein italienischer Mitbewohner bei meinem ersten Spaziergang durch Florenz‘ Straßen befahl, doch nicht immer am Straßenrand zu laufen. Sei nicht so korrekt! Wieso auch immer am Rand kleben? Schon im Tanzunterricht hieß es doch immer: „Die Wand ist nicht dein Freund!“ Also rein in die Mitte, Mut zeigen, dich selbst zeigen!
Und so spazierte ich mitten auf den Straßen der toskanischen Kunststadt. Und hatte sofort mehr Platz zum Atmen, Schauen, Staunen. Meist wuselt man in Florenz durch Gassen, deshalb ist das Auf-der-Straße-Laufen auch oft nicht wirklich gefährlich. Dieser risikoarmen Schlenderfreihet kann man deshalb leider nicht in jeder beliebigen Großstadt nachgehen.
…und ganz ehrlich: Auch in Florenz habe ich mich selbst manchmal aufgeräumt und bin auf ein schmales Trottoir getreten. Um den Verkehr nicht zu blockieren. Um sicher zum Aperitivo zu gelangen. Um dafür wieder wann anders voller Genuss und neu aufflammender Euphorie die Straßenmitte-Perspektive einzunehmen. Und ganz entspannt und unaufgeräumt herumzuschlendern. Auch jetzt nehme ich mir manchmal diese Freiheit – und muss jedes mal an Florenz und seine Gassen und Sträßchen denken, die einfach perfekt sind für Schlender-Individualisten.
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