Vintage-Sonne

Gedankenverlorenes Im-Cappuccino-Rühren, spielerisches Milchschaum-Auftürmen, genüssliches Kaffeesippen: Auf der Bar-Terrasse zu sitzen unter dieser Septembersonne, so weichzeichnend warm, fühlt sich an, als würde man etwas noch nie Erlebtes Revue passieren lassen. Doch im Cappuccino rühre ich täglich und Kaffeetrinken ist immer ein Genuss. Nur bin ich zum ersten Mal in dieser Stadt, wo ich nun mit dem silbernen Löffel über die geschmeidig unebene Milchschaumoberfläche zeichne, auf die die Sonne Glitzerpünktchen sprenkelt.

Der Name dieser Stadt, in der ich mehr durch Zufall bin als wegen eines besonderen Interesses, war mir schon immer ein Rätsel. Er zwingt einen zu einer stumpfsinnigen Wortwiederholung und fordert dazu auf, doch endlich baden zu gehen. Wer gewohnt ist, alles wörtlich zu nehmen, wird hier seine Freude finden. Vorausgesetzt man hat Badezeug dabei. Bäder gibt’s hier, keine Frage. Doch zum Baden bin ich nicht hier. Ich schlendere stattdessen durch Chic und Sauberkeit. Davon gibt es hier mehr als genug. Fast schon Erlebnisparkkulisse, nur teuer und edel.

Grün ist es hier auch. Und blumig. Fontänen schießen aus Wasserbecken inmitten großzügiger Plätze. Ständiges, beruhigendes Plätschern nistet sich im Ohr ein. Shoppen gleicht hier an manchen Ecken einer Zeitreise. Dort, wo man die stehengebliebene Zeit spürt und sich fühlt, als wäre man bereits in den 60ern an den Schaufenstern vorbeigebummelt. Vieles schreit hier nach der Wiederbelebung einer melancholietrunkenen Stimmung, unumgänglich und heiß ersehnt. Die Vergangenheitsverliebtheit holt hier jeden Besucher ein, auch ich falle darauf herein. Ein Spaziergang kommt mir hier wie ein mit Harfenmusik untermalter Rückblick in leicht verschwommener Optik und auffällig welligem Übergang vor.

Ich gebe zu, ich übertreibe. Aber Eindrücke sind nun mal dazu da, um überzeichnet zu werden. Vor allem in diesem Vintage-Sonnenlicht. In dem man an auffallend vielen Ecken noch Telefonzellen, nun werden sie offensichtlich „Hotspots“ genannt, findet. Schlichte Säulen mit Hörer und Nummerntasten, freistehend, einsam und sichtlich gelangweilt. Fast könnte man sie aus ihren unzeitgemäß großen Hörern gähnen hören.

Wenn ich nicht von der artigen, konservativen Schönheit dieser Stadt geblendet werde, dann spukt zumindest ihr Name in meinem Kopf herum. Diese plumpe Repetition zweier simpler Silben klingt wie eine kindliche Vorfreude auf einen Badenachmittag. Aber zum Baden bin ich nun mal nicht hier. Stattdessen bade ich meinen Löffel im Cappuccino. Der Milchschaum ist schon abgeebbt und weggeschlürft. Die Sonne jedoch flutet mir entgegen und ich lasse ihre Wohltat durch meinen Körper rauschen.

Photo Credit: privat

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