Da sitze ich vor dem kompakten Schlösschen, aus dem Zwiebeltürmchen sprießen. Hier und da reckt und streckt es sich mit Kreuzchen und Zinnen gen Himmel. Dann ist da noch der kunstvolle Erker und das Brücklein, das durch das Tor in den Schloss-Innenhof führt. Alles so gepflegt und wunderbar. Enten perfektionieren das Szenario und watscheln im schattigen Gras oder schwimmen quakend im glitzernden Wasser.
Ich sitze also in diesem Idyll und scanne die Schlossfassade ab. Schief nach links gedreht habe ich mich auf der Holzbank positioniert, sonst würde ich nur Gras, Hecke und Bäume sehen. Ohne Frage ein der hiesigen Pflanzenwelt schmeichelndes Arrangement in weichen augenberuhigenden Grünschattierungen. Dennoch möchte ich meine Augen lieber mit der Überfülle an Details, die prominent an der Schlossfassade prangern, herausfordern.
Nach einigen Momenten hat sich die Physiognomie des Schlösschens in mein Gedächtnis gebrannt. Und sogleich dringe ich in seine Gefühlswelt ein, die mir in meiner Fantasie immer klarer wird. Ganz eigensinnig hockt das Schlösschen da am Bach, umgeben von holprigem Pflaster. Auch wenn ihr Gesamteindruck danach schreit, so versprüht sie nicht die bedingungslose Romantik-Stimmung, die man sich als Betrachter von ihr erwarten würde. Ist es der Idylle überdrüssig? Schließlich rattern links an der Mauer, wo eine schmale Brücke am prächtigen Gebäude herumführt, Mühlenräder und peitschen das Bachwasser lauthals plätschernd durch die Holzsprossen. So entschieden und kraftvoll als würde das Schloss am liebsten die Mühle als Antrieb nutzen, um wegzuschippern oder in die Lüfte zu steigen. Um endlich mal eine aufregendere Aussicht zu genießen. Seit immer hat sie ja diesen riesigen Rasen vor der Nase. Rechts vor ihr die quakenden Enten und rundherum das Flüsschen.
Öde und langweilig? Mit der Zeit definitiv zu ruhig. Alles andere als spannend.
Doch genau diese fast schon beruhigend langweilige Landschaftsarchitektur ist der Grund, weshalb die Parkbesucher hier so gut abschalten können. Ein wahrer Chill-Hotspot hier: Ab auf eine Bank oder rauf auf den Rasen, Sonnenbrille auf und einfach nur vor sich hin, auf das Grün starren. Denn davon gibt es hier eine Menge.
Die Dimension der Wiese vor dem Schlösschen könnte man mit einem banalen Vergleich charakterisieren: ungefähr halb so groß wie ein Fußballfeld. Wer weniger schwer von Begriff ist, könnte sich auch mit folgender Beschreibung einen Begriff vom Rasenausmaß machen: Die rechteckige, leicht unebene Rasenfläche, gesäumt von robusten Holzbänken und garniert mit massiven, verschnörkelten Blumentrögen, in denen es rot gedeiht, bietet dem Schlösschen genug Platz, seine Pracht unbeschwert auszustrahlen. Und dem Besucher bietet sie ausreichend nach gesundem Gras duftende Frischluft zum Atmen. Zum Auftanken. Zum Abschalten.
Während ich hier sitze und beobachte, scheinen sich die Zwiebeltürmchen immer mehr in den tiefblauen Himmel zu bohren, als wollten sie den sich weit und breit nicht ankündigenden Wolken drohen, sich ja nicht anzunähern. Nicht heute. Solange das Schlösschen doch die perfekte Chill-Kulisse ist. Morgen vielleicht. Wer weiß, wie die steinerne Majestät dann gelaunt ist. Vielleicht klappt es ja dann doch mal mit dem Wegschippern oder -fliegen, wenn die Wolken zum heimlichen Komplizen werden? Und dem Schlösschen helfen, sich in ein träumerisches Schloss aus Wolken zu verwandeln? Weit weg von der Langeweile. Losgelöst von Brücken und Bächen. Beeindruckend, auch ohne riesigem Vorgarten. Als schwebende Version seinerselbst, verwirklicht durch eine lang herbeigesehnte Metamorphose.
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