Ich spüre ihn, auch wenn ich nicht hinschaue. Obwohl er natürlich nicht schmerzt. Ganz im Gegenteil, er legt sich wie ein Pflaster auf meine Haut und stillt mein Verlangen nach jedweder Form befreiender Wohltat. Dieser Fleck an der Außenseite meines rechten kleinen Fingers, direkt am Fingergrundgelenk. Kugelschreiber-Tinte verschmiert durch die Frenesie des Schreibens. Spuren unzähliger Wörter. Flüchtig und fragil, arbiträr und doch sinnhaft tätowiert auf einer subtilen Hautpartie.
Nicht seifenfest, dafür persönlichkeitsbestimmend. Fleckiges Merkmal einer Leidenschaft, eines ureigenen Bedürfnisses, Gedanken und Ideen zu hinterlassen, sie stumm auszusprechen und damit in ein Wahrheitsgewand zu kleiden, ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen. Sie näher an die eigene Realität zu rücken.
Jeder Tintenfleck eine auf Papier gebrachte Sorge, eine verschriftliche Freude, eine niedergeschriebene Existenzfrage. Die auf dem Herzen lastete und nun eine konkretere Form annimmt. Schwarz oder Blau auf Weiß. Und die Essenz aller Fragen-Freuden-Sorgen auf meiner Haut. Als ließe sich alles so einfach zusammenfassen. Auf den Punkt gebracht in einem Tintenfleck…
…den ich selbst nach dem Händewaschen noch spüre. Als Teil von mir und meiner Gedanken. Die ich nicht einfach so abwaschen kann. Teufelskreis einer Schreiberei, die sich nicht selbst heilen kann. Ich trage mein Tintenpflaster dennoch mit Stolz und wasche es ab, wenn es ausgedient hat. Das, was davon bleiben soll, steht irgendwo. Schwarz oder Blau auf Weiß.
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