Fotos sind Erinnerungsstützen. Täuschend echte Abbilder einer erlebten Realität. Aber letztendlich sind sie doch so realitätsfern. Der Überschwang an Emotionen und das Ambiente des festgehaltenen Moments können einfach nicht in banaler Zweidimensionalität vermittelt werden. Spürbar werden. Erlebbar werden. Die Unvergesslichkeit der Momentaufnahme prägt sich nur im Kopf, und vielmehr im Herzen, der Fotografierten ein. Nur sie kennen die wahre Geschichte des auf Smartphone oder Fotopapier erstarrten Augenblicks. Alles andere, das Offensichtliche, Sichtbare der Aufnahme ist letztendlich nur die inhaltslose Oberfläche eines einzigartigen Erlebnisses.
Oft trügt der Schein der fröhlichen Bilder. Denn was steckt wirklich hinter der abgelichteten Szene? Waren die Fotografierten im verewigten Moment tatsächlich so glücklich wie sie scheinen? Oder ist das Lächeln nur Fassade? Wollten Sie überhaupt fotografiert werden? Oder lieber einfach den Augenblick genießen? Denn eines steht fest: Der Moment, in dem der Auslöser gedrückt wurde, ging ihnen verloren. Wie ein Blackout-Moment wurde ihnen diese wertvolle Sekunde gestohlen, in der Sie die Linse fokussierten oder zumindest bewusst ihre Pose einnahmen. Unwiederholbar ging ihnen dieser Moment verloren. Und hinterließ sie womöglich mit einem bitteren Nachgeschmack: Denn erwacht aus dem Sekunden-Blackout nach dem Aufblitzen des Kameralichts, wirken die Fotografierten orientierungslos. Wo waren sie gleich nochmal? Wie war die eigentliche Stimmung? Was waren sie gerade im Begriff, zu genießen? Das Foto, eine Formalität, hat sie aus ihrem authentisch natürlichen Genießen gerissen.
Viele streben sie an, diese möglichst effektvolle Verewigung des Moments. Und nehmen dabei die Unterbrechung eines unwiederholbaren Augenblicks in Kauf. Was man hier und dort erlebt hat, soll ja schließlich gepostet und Freunden und Familie gezeigt werden. Als Beweis, als Rechtfertigung, als Konversationsbeleber. Viel zu oft zur Eigeninszenierung. Eine reiche Sammlung an Fotos ist nicht immer eine reiche Sammlung an fröhlichen Momenten. Denn letztere tragen wir im Herzen und kleben nicht in Fotoalben ein.
Dann sind da noch die Filter, die aus jedem noch so einfachen Motiv ein kleines visuelles Meisterwerk zaubern. Und zwar ganz einfach, auf Knopfdruck oder durch einen Wisch über den spiegelglatten Smartphone-Bildschirm. Doch Filter sind Betrüger. Sie reduzieren den abgelichteten Moment auf ein unwirklich schönes Bild, das auf den Geschmack einer Masse getrimmt ist und die Betrachter zu möglichst vielen Komplimenten animieren soll.
Wieso sollen wir uns also noch was vor machen? Sagen wir es doch, wie es ist: Fotos sind oft eine Illusion. Denn die aufgenommenen Momente leben von ihrer synästhetischen Komplexität. Und diese können wir nicht abfotografieren. Wir können sie nur in uns aufsaugen und abspeichern. Diese Momente sind wahre Erinnerungsschätze, die sich nicht reproduzieren lassen und deshalb so wertvoll sind. So unnachahmlich. So intim und kostbar.
Nur die Natur lässt sich von Fotoapparaten und Smartphones nicht beeindrucken. Sie kann immer authentisch eingefangen werden. Ihre majestätische Erhabenheit ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Ihrer Stimmung lässt die Natur immer freien Lauf mit Sturm, Hagel, Regen, Schnee und Sonne. Um diese Gefühlspalette auch bei fotografierten Menschen ehrlich offenzulegen hilft nur eines: Kamera zücken, ohne viel darüber nachzudenken und den berühmten Schnappschuss wagen. Dann hat man die Chance, wahre Lebensfreude einzufangen – ganz ohne Blackout-Moment und starres Gepose. Die ungefilterte Wahrheit.
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