Pfützenhypnose

Manchmal reicht es, in Pfützen zu schauen, um sich selbst zu erkennen. Denn sie sind oberflächlich und tiefgründig zugleich.

Die unförmige Wasseransammlung wirkt spiegelglatt, wenn weder der Wind weht, noch weitere Tropfen hineinplatschen. Wenn man vorbeischreitet oder der Donner dröhnt, zeigen Regenpfützen ihre sensible Seite und vibrieren ängstlich. Und wenn sich ein Kind in Gummistiefeln annähert, ist ihr Schicksal besiegelt. Das Kind nimmt Anlauf und die Pfütze möchte sich ducken, doch das ganze Wasser – ihre gesamte Substanz – hindert sie daran. Und schon hopst das Kind auf sie drauf und in sie hinein. Und der Pfütze bleibt nichts anderes übrig, als ihr schmerzvolles, jämmerlich klatschendes Kreischen auszustoßen, das sich mit dem fröhlichen Lachen des Kindes mischt. Platschen, Kreischen, Lachen: ein existentieller Hilfeschrei eingezwängt zwischen infantiler Sorglosigkeit. Eine verstörende Geräuschkulisse, die aber merkwürdig vertraut ist. Die Pfütze, innerlich zerrissen und äußerlich in alle Richtungen gespritzt, versucht, sich zu beruhigen, ihre übrigen Kräfte zu sammeln und das verbleibende Wasser zu glätten. Bis sie wieder schillernd im Boden verweilt und so tut, als wäre nichts gewesen.

Doch nach kurzer Zeit kommt ein erwachsendes Pärchen und beugt sich über sie. Beide tragen teure Schuhe, daher wagen sie es nicht, die Pfütze auch nur mit den Schuhspitzen zu berühren. Trotz des Argwohns ist ihre Neugier groß. Sie blicken in den unförmigen, leicht zitternden Wasserspiegel, der die Wahrheit skrupelloser offenlegt als jeder Badezimmerspiegel. Sie blicken sich selbst in ein dunkles, kaum definiertes Gesicht. Sie stehen vor einem Spiegel ohne direkten Zweck.

An Wohnungswänden angebrachte Spiegel dienen der Aufrechterhaltung von flüchtigen Oberflächlichkeiten: Da putzt man sich die Zähne, schminkt und rasiert sich und entdeckt im Wochenrhythmus neue Falten. Diese Eindimensionalität der Äußerlichkeiten, für die diese Alltagsspiegel gedacht sind, steht im Gegensatz zur erkenntnisanstiftenden Fähigkeit des tiefgründigen Pfützenspiegels. Bei ihm sind Oberfläche und Spiegelbild nur der Beginn der Selbstreflexion.

Das begreift auch das in die Pfütze starrende Pärchen. In der großen Wasserlache erscheinen sie als farblose Gestalten ohne Aussagekraft. Dennoch starren sie, höchst konzentriert auf die Wirkung ihres Widerscheins, in die Pfütze hinein. Um mehr zu erkennen und zwar das, was tiefer liegt. Nicht das Sichtbare, das auf der Oberfläche zu schwimmen scheint, interessiert sie. Sondern dieses seltsame Gefühl, das sie ergreift: Sie erkennen ihr Gesicht, ihre Oberfläche, kaum in der Pfütze. Das könnte auch ein Fremder sein. Doch ein Fremder würde bei diesem Anblick nicht das aufgeregte Kribbeln spüren, das Körper und Gehirn signalisiert, dass diese Widerspiegelung viel mehr verrät.

Denn so wie die Pfütze nur durch eine Ansammlung vieler Tropfen eine glänzende Oberfläche ausbildet und umso faszinierender wirkt, je tiefer sie ist, so erkennt das Pärchen durch die Pfützenhypnose, dass nur die Vielfältigkeit ihres Innenlebens über ihr wahres Ich entscheiden kann. Je komplexer und tiefgründiger, desto spannender und anziehender.

Sie blicken sich an und sehen in den Augen des jeweils anderen die Unerschöpflichkeit einer doch so einfachen Erkenntnis aufblitzen. Sie stehen sich händehaltend gegenüber und spüren, dass das, was sie in der Pfütze sahen nur ein Abbild eines Moments war, die Essenz dieses Momentes aber erst jetzt, wo sie sich in die Augen blicken, erlebbar wird: Jeder hat in den Tiefen seiner Wasser, seiner formvollendeten Persönlichkeitsströmungen, den jeweils anderen entdeckt: diesen wichtigen Bestandteil, der die eigene Individualität reicher – und tiefgründiger – macht. Und Oberflächlichkeiten so nebensächlich erscheinen lässt.

Liebe braucht keinen Spiegel. Um die Tiefgründigkeit ihrer Verbundenheit zu beweisen.

Und Kinder brauchen Gummistiefel. Um die trügerische Oberfläche der Pfützen zu brechen.

Dabei reicht es einfach, in eine Pfütze zu schauen – oder zu springen.

Photo Credit: Unsplash

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