Zwischen Wohngegend und Industrielandschaft, sanft auf einer namenlosen Wiese im Schatten eines grauen Betonblocks platziert, wartet eine Trinkhalle auf durstige Passanten.
Samstags, 17.24 Uhr, will keiner etwas von ihr.
Ihre knallrot lackierten Türen, eine an der linken Häuschenwand, die andere an der rechten Hallenseite gegenüber, schreien durch ihre Farbaggressivität ein Gähnen in die verlassene, stille, fast schon andächtig schweigende Gegend.
Die Halle scheint das geduldige Warten bereits verlernt zu haben.
Vegetierend übt sie sich in Anständigkeit gegenüber all jenen, die zufällig von der vorbeiratternden überirdischen U-Bahn einen Blick auf sie erhaschen.
Da hockt sie enttäuscht auf ihrem grünen Plätzchen und balanciert stolz ihren Namen „Trinkhalle“ in auffälligen, schwarz gefetteten Lettern auf weißem Hintergrund auf ihrem moosbewachsenen Kopf.
Ihr Titel ist tatsächlich zu vielversprechend. Hallencharakter stellt sich wohl jeder Mensch beeindruckender vor. Die Halle ist ein schüchternes Häuschen mit stolzer Zeitschriftenauslage.
Getränke sind aus der Beobachterposition, von der U-Bahn aus, nicht zu entdecken.
Doch lässt die Antenne auf dem Moosdach Schlüsse auf das gehaltvolle Innenleben zu.
Sie ist der Grund für den zurückhaltenden Paradiescharakter im Innern der Häuschen-Halle.
Sie bringt wohl einen alten Röhrenfernseher zum Flimmern, überträgt Nachrichten und Fußballspiele, unterhält mit Talkshows und bringt Besitzer und flüchtige Klienten an den Rand der Verzweiflung mit Castingshows.
Doch ist sie auch der Grund für die Retro-Atmosphäre inmitten der von außen unsichtbaren Bierkastenstapel, Weinkisten und Schnapspaletten.
Eine pittoreske Getränkelandschaft auf engstem Raum, eingepfercht in einen Minikosmos, der wie unberührt von der Außenwelt – abgesehen von Moos und Antenne – mit rotgequollenen Augen die U-Bahn-Fahrgäste anglotzt.
Der vorbeifahrende Betrachter spürt Mitleid und einen Hauch Nostalgie und bringt es nicht übers Herz, die Augen von dem als „Trinkhalle“ etikettierten Kiosk-Häuschen zu lösen.
Alles nur ein Trick, alles nur Fassade, um den Betrachter zu etwas Mitgefühl in von Empathielosigkeit geplagten Zeiten zu bewegen?
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