Niemals mehr und immer wieder

Niemals mehr und immer wieder wird diese Stadt mein Zuhause sein. Das weiß ich ganz genau, dann verschlingt sie mich aber wieder und ich muss unseren Beziehungsstatus neu überdenken. Doch immer komme ich zum gleichen Schluss. Auch dieses Mal wird es nicht anders sein. Das merke ich jetzt bereits, wo ich noch im Zug zu ihr sitze und meine Gefühle in launischen Kapriolen durch meinen Körper jagen.

Rechts der Espresso, links das Croissant, was eigentlich Cappuccino und Breze sein sollten. Doch im ICE muss sich der Gaumen dem spärlichen Bordrestaurant-Angebot anpassen. Ein Schluck, ein Bissen – die fettige Bitterkeit des Nachmittagssnacks im ICE verwirrt die Nase und wird vom Ohr nur als gelangweiltes Knuspern wahrgenommen. Und das Auge schaut einfach nur argwöhnisch zu, hatte es sich doch schon auf die fröhliche Verschlungenheit der Breze gefreut.

Trotz Croissant-Genuss gleicht mein emotionaler Zustand auch am ehesten einer Breze: die aufgeregte Verkrampftheit und erwartungsvolle Nervosität ziehen ihre wahllosen Wege in meinem Magen. Verschlungen aber formvollendet. Verwoben aber harmonisch. Verwirrt und orientierungslos fühlen sich ihre Bahnen an. Aber auch vertraut und schön, so wie diese Stadt, die mich in wenigen Stunden erwartet. Die mich schon mal verschlungen hatte. Die mal mein Zuhause war.

Hier lebte und lernte ich ließ mich vom Charme des ewigen Millionendorfs verführen. Ich rutschte hinein in den Strudel einer Großstadt, die nach außen hin vor allem chic und teuer ist, in ihrem Inneren aber vor unbeschwerter Nonchalance und fast schon niedlicher Kreativität strotzt. Doch zu dieser einzigartigen Kernstimmung dieser Stadt gelangt man nur mit den richtigen Weggefährten. Ich fand schnell meine engsten Verbündeten, mit denen ich in dieses Lebensgefühl rauschte, indem wir Neugier, Werte und Feierdrang teilten. Ob nächtliches Abenteuer oder akademische Herausforderung, ausschweifende Aperitivi oder kummervoller Kaffeeklatsch, ein schnelles Eis im Museumsviertel oder eine geteilte Pizza auf der Straßenterrasse, dort, wo wir eben immer waren, was immer ging und gut war. Wo wir uns in die Ferne träumten, obwohl wir doch von unnachahmbarer Schönheit umgeben waren.

Denn diese Stadt, so kantig und eckig und doch so oberflächlich perfekt, oszillierend zwischen dem Streben nach modernem Lifestyle und dem Hüten hochgeschätzter Tradition, war immer unsere Kulisse. Mit ihren gepflegten Straßen, die in regelmäßigem Takt ein großes rotes „A“ über den Bürgersteig ragen lassen. Mit ihren Blumenständen, die neben all den Apotheken ebenfalls nie außer Sichtweite sind, und mit ihren grün-weiß gestreiften Marquisen ihre floralen Schätze schützen. Mit ihren Straßencafés, die einen zum Leutebeobachten überreden, gibt es doch so viel bemerkenswerte und kommentierwürdige Menschen, die einem beim Kaffeeschlürfen und Tortenessen unterkommen. Mit all den grünen, in der Sonne schillernden Seen, die eine Urlaubskulisse kreieren, die wahre Heilkräfte in gestressten Körpern entfalten kann. Mit den endlosen Grünflachen, fast schon wie Vergnügungsparks angelegt, mit Seen und Tretbooten, Bächen und Biergärten, Monumenten und Spielwiesen.

„Chic“ und „teuer“ beschreiben nur einen Bruchteil dieser Stadt. Den sofort sicht- und spürbaren Teil der bayerischen Metropole. Doch die mannigfaltigen Gefühlsbahnen, auf denen mich ihre Attraktionen schickten, können kaum auf zwei Adjektive reduziert werden.

Die Chiffre dieser Stadt habe ich vor Jahren für mich entziffert. Seitdem ist ihr Zauber für mich klar definiert, ohne dass ich in der Lage bin, ihn zu beschreiben. Und seitdem wirkt diese Stadt wie ein Magnet, der mich immer wieder anzieht, der aber nichts Neues, Aufregendes mehr bietet. Stattdessen Altbekanntes, liebgewonnene Orte und Menschen garantiert, für die ich mich hin und wieder in den Zug setze und mit Vergnügen diese brezlige Verkrampftheit in meinem Bauch in Kauf nehme. Denn jedes Mal weiß ich, was mich erwartet, und ich denke zurück, wie es war und weiß doch genau, dass diese Zeit abgeschlossen ist. Ja, auch dieses Mal wird sie mich wieder verschlingen, diese Stadt, aber das wird nichts an unserem Beziehungsstatus ändern.

Und so wird diese Stadt niemals mehr und doch immer wieder mein Zuhause sein.

Photo Credit: Unsplash

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