Götter und Campari

Wenn es Götter gibt, dann lächeln sie nun süffisant auf die Menschheit hinunter. Hin und wieder können sie sich auch ein hämisches Lachen nicht verkneifen. Einfach unglaublich, wie diese sterbliche Zweibeinerschar, die gerne am Rande erwähnt, die Krone der Schöpfung zu sein, seit eineinhalb Jahren ihr intrinsisches Talent für Irrsinn zur Schau stellt.

Klar, sie selbst, die übermächtigen, sagenumwobenen Götter, haben zu ihren aktivsten Zeiten auch einige Dinge verbockt. Da ging es um Macht und Liebe, um Neid und Leid. Vor allem waren sie wahre Meister der Verwandlung und Täuschung, vom Stier bis zum Baum beherrschten sie die Kunst der Metamorphose.

Umso mehr vergnügt es sie, wenn nun diese von ernüchternder Endlichkeit konditionierte Menschenherde die Kunst der Täuschung für sich entdeckt – wenn auch auf ganz andere Weise. Mit Versprechen in wellenartigem Zyklus vertrösten sie sich stets auf einen immer weiter in der Zukunft liegenden Zeitpunkt. Da wird das Täuschungsmanöver zur tragischen Enttäuschung. Die Entdeckung einer Täuschung in diesen wahrlich gekrönten Zeiten ist jedes Mal aufs Neue schmerzhaft und bitter.

Die Götter können darüber nur das lockige Haupt schütteln und klopfen vor Schadenfreude auf ihre muskulösen und wohldefinierten Oberschenkel. Sie sippen an ihrem Orangensaft – frisch gepresst aus Orangen ihres paradiesischen Gartens – mit Wolkeneis – eine besonders deliziöse Gelato-Kreation – und denken mit Nostalgie an jene Zeit zurück, in der sie noch angebetet und gefürchtet wurden. Wäre das immer noch so, vielleicht hätten sie sich dann bemüht, den Menschen ein Zeichen zu senden, um sie vorzuwarnen. Aber wer hätte ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt?

Und so sitzen sie nun auf wollweißen, locker-flockigen Wolken und können von dem Ausnahmezustand auf der Erde gar nicht genug bekommen. Gegen Abend pimpen sie ihren Orangen-Wolkeneis-Cocktail mit Campari, der ihnen in Vollmondnächten von ihren kleinen Palastdienern geliefert wird, die den tiefroten Bitterlikör aus italienischen Bars und Lagern stibitzen. So wird der Genuss bitterer und passt perfekt zum Spektakel, das sie mit Spannung von ihrem vergoldeten Wolkenpalast aus verfolgen.

Dort unten drehen sich die Menschen mit allwissender Attitüde planlos aber im Prognosenfieber im Strudel des Wahnsinns. Ständig fallen dieselben Wörter, die vor zwei Jahren keiner kannte. Jeden Tag werden Zahlen gecheckt und analysiert. Immer wird es besser und dann wieder schlechter.

Auf den göttlichen Wölkchen schließen die pensionierten Gottheiten Wetten ab, welchen Coup die Menschheit als nächstes landen wird. Am Nachmittag malen die Götter nicht mehr in ihren paradiesischen Gärten, sondern zeichnen rein aus Spaß Ansteckungskurven und messen sich dabei in ihren Prognose-Fähigkeiten. Und wer gewinnt bekommt eine Extra-Portion Wolkeneis.

Ja, wenn es Götter gibt, dann haben sie mittlerweile einen richtigen Lachkrampf. Da haben sich die Menschen doch so lange über ihre Geschichten gewundert und nun liefern sie selbst reichlich Stoff für Absurditäten.

Doch in den Hohn mischt sich auch ein bisschen Mitleid – und vor allem Besorgnis. Denn wenn die Menschheit nun vollkommen durchdreht, woher bekommen sie dann ihren Campari?

Photo Credit: Unsplash

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