Ich warte auf dem Bahnhofsvorplatz und wippe von einem Bein auf das andere. Das Gemurmel um mich herum wird immer atonaler mit jedem neuen Reiseverzweifelten, der sich in den improvisierten Freiluft-Wartesaal drängt. Da spricht man Flämisch und Französisch.
Und ich höre zu und vermute. Und reime mir zusammen. Und befürchte und erahne.
Der Bahnmensch klebt am Telefon und spricht mit bedrückter Miene. Er läuft Slalom mit seiner Warnweste und macht jeden um ihn herum ganz kirre. Das Problem scheint groß, denn er legt einfach nicht auf.
Indes bekomme ich Lust auf Laster. Da steht ein kleiner roter Waffelwagen. Es riecht so verführerisch fettig und süß. Ich versuche zwanghaft, dem Wasser in meinem Mund Einhalt zu gebieten. Dann mache ich doch einen Schritt auf den Hütchen tragenden Waffelbäcker in seinem fahrenden Minicontainer zu. Und bemerke dann, dass ich kein Kleingeld habe und der Hütchenträger wohl nie mit einem Kartenlesegerät hantiert. So bleibe ich stehen, immer noch den Blick auf die duftenden Waffeln gerichtet, die einige Mitglieder der Warteschar aus den Händen des Waffelverkäufers ehrfürchtig entgegennehmen und stolz vor sich hertragen, bis sie an „ihrem“ Platz in der Menschenmenge angekommen sind und den ersten Biss wagen.
Also dann eben nichts Süßes, Fettiges für mich. Was gäbe es denn sonst, um die Wartezeit zu verkürzen? Ich lasse den Blick über die unruhige Menschenmenge schweifen. Er bleibt an einem Mann in schwarzer Jacke und ausgewaschenen Jeans hängen, der sich an eine Bierflasche krallt. Er sippt immer wieder mal daran und schickt den sprudelnden Gerstensaft genüsslich durch Mund und Speiseröhre zu seiner Leber, die den Rest erledigt. Oh ja, ein Bierchen, wieso nicht? Aber alleine, das ist nichts für mich. Wenn ich in Begleitung wäre, dann wäre das schon eine Option, um gemeinsam das vorübergehende Leid in leicht berauschenden Getränken zu versenken.
Eine andere Ablenkung zur Wartezeitverkürzung soll also her. Ich sehe einen Mann, der seine Tochter mit Witzen und Grimassen bespaßt. Ist bestimmt lustig, dazu bräuchte man aber ein Kind. Habe ich nicht und suche weiter. Und da taucht sie auf, in meinem rechten Augenwinkel. Ich drehe meinen Kopf, um die Dame besser beobachten zu können. Sie trägt einen leichten, roten Sommermantel und hat krauses, wirres, langes, blondes Haar. Sie tastet sich auf Hüfthöhe ab und wird schnell fündig. Sie zieht die Zigarettenschachtel aus der Manteltasche, flippt die Packung gekonnt mit dem linken Zeigefinger auf und zieht mit der rechten Hand eine Zigarette heraus. Auch ihrer Freundin bietet sie eine an, die sofort zuschnappt. Sie zünden sich den schmalen Rauchzylinder an, inhalieren und stoßen den Rauch genussvoll durch Mund und Nase, während sie die Augen schließen und ihre Stirn kurz gen Himmel heben. Ausdruck der Macht der Raucher, die die verzwicktesten Situationen in einen Genussmoment verwandeln können.
Neid und Bewunderung steigen in mir auf. Als überzeugte Nichtraucherin muss ich mir doch eingestehen, dass die Haltung dieser Damen etwas Sublimes, Faszinierendes vermittelt. Und da macht sie sich auf einmal in mir breit, diese Lust, einen Glimmstängel zwischen den Lippen zu spüren oder ihn lässig zwischen Zeige- und Mittelfinger zu halten. Ein Zeitvertreib mit einstudierter Choreographie, die sehr gut ohne Begleitung oder Leidenspartner funktioniert.
Nie hatte ich solche Fantasien. Aber langes Warten, Alleinsein in einer aufgewühlten Menschenmenge und die Müdigkeit, nach einem Arbeitstag einfach nur den verdienten Feierabend zu genießen, stellen verrückte Dinge mit einem an. Da lechzt man nach Sachen, die man eigentlich nicht möchte, in dem Moment aber als essenzielle Wartezeitüberwinder ansieht. Doch Erlösung naht, ohne der Versuchung erliegen zu müssen…
… Denn der Bahnmensch legt auf. Er nimmt sein Diensthandy vom Ohr und schaut ganz benommen drein. Er spricht und alles raunt. Danach setzt man sich in Bewegung Richtung Bushaltestelle. Und ich laufe ungeduldig tapsend hinterher. Die Erlösung ist ein Linienbus. Vollgestopft, heiß und wirklich langsam – mit unnötigen Linienabzweigungen. Aber wenn der Zug nicht fährt, muss ungemütliches Rumgebummel in Kauf genommen werden. Vor allem, wenn man dadurch merkwürdigen Lastergelüsten entkommt.
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