Je länger eine Zahl, desto mehr Gefühle stecken in der Nummernschlange. Emotionen schäumen über, zähmen sich gegenseitig oder gehen eine verworrene Symbiose ein – je nachdem, welche Zahlen sich zusammenschließen.
Jede Zahl ist letztlich ein abstrakter Code. So wie jedes Wort ein konkretes Bild vermittelt. Nur, dass Zahlen unfassbarer sind, so greifbar und uns ständig umgebend, aber einfach nur rein messbares Material, das nicht zu uns spricht, sondern uns Summen und Mengen diktiert. Wörter betören bereits durch ihren lautmalerischen Charakter, der Ausgangspunkt unserer Interpretationsspielräume für die Unendlichkeit der Bedeutung eines Buchstabengebildes. Zahlen zwingen uns hingegen einen konkreten Gedanken auf und quälen mit ihren vorgefertigten Formen, die sie in unserem Kopf aufleuchten lassen.
Da wäre die 0, diese organische, verschlossene Zahl, dieses wenig aussagekräftige Kringelchen.
Ihr folgt die 1, so aufrecht, vornehm und vorbildlich, der Streber unter den Zahlenfiguren.
Ganz anders ist die 2, so tollpatschig, weder rund noch eckig. Sie scheint einfach nur gelangweilt zu sein.
Ausschweifend, überschwänglich und einnehmend kommt dagegen die 3 daher. Ein so fröhliches Nümmerchen.
Vollkommen ausgeglichen ist die 4. Sie ist ausbalanciert und stabil, obwohl sie doch auf Zehenspitzen steht.
Die 5 ist der Pragmatiker unter den Zahlen, halb rund halb eckig, eine Handvoll, mittelmäßig und einfach handzuhaben.
Die eingekringelte 6 wirkt irgendwie unvollendet und teilnahmslos, als würde sie auf jemanden warten, der ihr einen Schubs gibt, sodass ihr Wert steigt – und sie zu einer 9 wird.
Verhängnisvoll kann die 7 sein, da sie doch für abergläubische Rituale herhalten muss. Wer sich darum nicht schert, lässt sich aber dennoch von ihr beeindrucken, ist doch keine andere Zahl so schräg und schrill.
Die so geschmeidige 8 strotzt nur so von Lebenskraft. Sie steht einfach nur da und glotzt mit ihren Riesenaugen in die Unendlichkeit.
Bei der 9 sollte man misstrauisch werden. War sie ursprünglich eine 6? Jedenfalls spielt sie gern verkehrte Welt und wiegt einen durch ihre bequeme Form in Sicherheit.
Ja, es ist möglich, selbst Zahlen lebenswerte Züge zu verleihen, ihnen eine Bedeutung zu geben, die über das rein Praktische hinausgeht. Nicht jeder wird das verstehen. Es gibt ja schließlich die Zahlen- und die Wortmenschen: Kühle Code-Köpfe mit chirurgischem Blick fürs Wesentliche stehen den von geistiger Wärme erfüllten Phrasenmalern mit Sinn für mit Wortornamenten geschmückte Ausschweifungen gegenüber.
Es ist dir selbst überlassen, aus welcher dieser beiden Positionen heraus du die Welt betrachten möchtest…
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