Ein Hilfeschrei in Orange: Takeaway brüllt grell in die nostalgieseligen Pupillen.
Ein flüchtiger Blick, etwas Fantasie und die weiße Schrift führt mir mein geheim gehegtes Alltagsmantra vor Augen: „Take me away“. So flüstert seit einem Jahr diese verführerisch surreale Stimme in meinem Kopf.
Das Takeaway-Konzept – Überlebenselixier und Schlachtruf aller Restaurants mit Existenzdrang – ist das Paradoxon dieser jungen 20er Jahre. In diesem Zeitalter des gefühlten Stillstands, in dem wir den Lauf der Jahreszeiten durchs Homeoffice-Fenster beobachten und bei Spaziergängen auf der Nasenspitzen fühlen, beleben rasende Essenslieferanten auf zwei Rädern die Straßen, als müssten sie den gezwungen unterdrückten Bewegungsdrang einer ganzen Gesellschaft kompensieren.
Highspeed für Couchfood.
Straßendynamik für ein Dümpel-Dinner Zuhause.
Das Draußen, Takeaway-Netzwerk auf rapiden Rädern, als Paralleluniversum zum Drinnen.
Die Schnelligkeit im Dienste des Hungers steht im Gegensatz zum Stillstand in den eigenen vier Wänden, egal ob Wohnung, Haus oder Palast.
Das schreiende Orange als antriebsspendender Ausgleich zum gräulich undefinierbaren Befinden, unerklärlich träge und farblos.
Doch auch die strampelnden Lieferanten sehnen sich mal nach Stillstand. Und dann stehen sie da, auf dem Plätzchen vor Café Graal, machen eine kurze Pause bis der nächste Auftrag eintrudelt.
Mit ihren Kastentaschen auf dem Rücken oder am Boden neben den Füßen sehen sie aus wie eine Gruppe Ausflügler, Abenteurer oder Austauschschüler.
Wäre da nur nicht das einheitliche, kaum zu ertragende Orange, das einem beim flüchtigen Blick zur Takeaway-Truppe in den Augen brennt.
Die gesamte Stadt wird Orange erleuchtet: Durch all ihre Adern tropfen stets die kastigen Lieferboten wie eine lebensnotwendige Infusion, die das Stadtleben aufrecht erhält.
Doch das Herz dieses Quarantäne-befeuerten Organismus, der Pausenplatz der Pedalhelden, ist in Wahrheit der Sorgenentsorgungsort.
Fehlende Fairness, unaushaltbare Ungerechtigkeit, blamable Bezahlung, strapazierender Stress – nur im Kreise Gleichgesinnter wird man richtig verstanden. Kann sich ablenken. Und wartet klagend auf den nächsten Liefermarathon.
Ein rasender Hilfeschrei in Orange.
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