Die zwei massiven Strommasten trampeln unhörbar ungeduldig auf der Stelle mitten auf der gänseblümchenbefleckten Wiese.
Sie breiten ihre sechs Arme schützend über die Spaziergänger aus, ohne Schatten zu spenden, und würden doch eigentlich am liebsten nur schnell davonlaufen, um der Hitze der gleißenden Sonne zu entkommen.
Wenn sie dieselbe Gelenkigkeit der Yoga-Schwestern, die einige Meter von den stämmigen Metallbeinen ihren Körper dehnen, nachahmen und sich nur ausreichend bücken könnten, würden sie vielleicht unter einem der großen majestätischen Bäume kühlende Erleichterung finden.
Stattdessen stehen sie pflichtbewusst, drahtigen Skulpturen gleich, im Park und blicken zur meditativen Sinnesberuhigung auf die Nidda.
Auf dem Gehweg nahe der S-Bahn muss sich eine tragische Szene abgespielt haben: Eine Mund-Nasen-Maske liegt achtlos weggeworfen auf dem aufgeheizten, dunkelgrauen Teer.
Ein so wertvolles Gut, zerknüllt und zertreten mit ein vom Hitzeleiden verzerrtem Gesicht mit knittriger Haut.
Ein blasser, fragiler Lappen mit Gummiohren, der auf eine baldige Entsorgung in einem schattigen Mülleimer hofft.
Am S-Bahn-Gleis gähnen selbst die großen Reklame-Tafeln.
So leer waren sie noch nie.
Oder besser gesagt: So sauber wurden sie noch nie von den mit reißerischen Parolen bedruckten Papierfetzen befreit.
In einheitlichem, bescheidenem Beige empfangen sie nun die mutigen, maskierten Fahrgäste.
Leere Tafeln wie unbeschriebene Blätter einer neu zu definierenden Zukunft.
Wie soll es den überdimensionalen Werbe-Präsentationsflächen in einigen Wochen wieder gelingen, uns zum Kaufrausch zu verführen, uns zum fröhlich unbeschwerten Geldausgeben anzustacheln…?
…
…gar nicht und wenn überhaupt, dann online. Selbst jetzt, nach einem Jahr bleibt der Kaufhaus-Kaufrausch aus. Die Reklametafeln sind zwar wieder bunt beklebt, haben aber immer noch ein eingeschränktes Publikum, dem sie entgegenbrüllen können. Schön langsam wird es auch wieder so warm, dass man am Wochenende intuitiv ans Flussufer in den Baumschatten flüchtet. Das einzige, was sich in unserer unmittelbaren natürlichen Umgebung verändert zu haben scheint, ist der Maskenmarkt: Ein so wertvolles Gut ist es schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Umso wertvoller sind die Erinnerungen an vergangene, ausgelassene Frühlingsmomente bei Picknicks im Park mit der Freundesschar, weit entfernt von der Maskenrealität. Das, was wir ohne nachzudenken als Normalität bezeichnet haben, wirkt immer mehr wie eine Utopie. Und die Frage drängt sich auf: Wie werden wir den nächsten Frühling (üb)erleben? In einer Maskenparade oder einer Normalitätsutopie?
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