Regenläufer statt Schirmträger

Es gibt doch nichts Beruhigenderes als ein Dach über dem Kopf zu haben, wenn es eimerweise Wasser vom Himmel speit.

Das tropfnasse Naturevent durchs Fenster zu beobachten, zu analysieren und sich davon mit Meditationsinspiration durchströmen zu lassen, ist eine der reinen Alltagssublimierung dienende Entspannungsübung.

Doch der Regen, das Plätschern, die Pfützen, laden geradezu dazu ein, sich vom meditierenden Nichtstun zu befreien und die körperliche Immersion ins duftende Nass zu wagen!

Das kühle Wasser verschmilzt auf der Haut zu einer ganz individuellen Duftnote.

Die Tropfen beschweren die Lider und lassen sie in ungewöhnlich hoher Frequenz klimpern.

Die Himmelstränen lassen die Haare schwer und strähnig in die Stirn fallen.

Von den Haarspitzen bahnen sie sich in unregelmäßigen Spuren ihren Weg über die Wangen und setzen so ihr Tränendasein auf unkomplizierte Art fort.

Ein sinnenbelebender Regenguss, der das Gesicht wäscht und die Gedanken klärt.

Ein zu den unangenehmen Dingen der wetterlichen Quotidianität gezähltes Naturwunder.

Ein gesunder Kreislauf, der die Wolken erleichtert und Gewässer, Pflanzen, Lebewesen tränkt.

Ein Spektakel, das mit Jubelrufen befeuert werden sollte anstatt mit Lästigkeitsseufzern.

Und welches abzuwehren im Grunde ein Akt der Schöpfungsverachtung ist.

Trotzdem lässt man sich dazu verleiten, sobald der erste Tropfen den Scheitel berührt.

Da sehnt man sich unterwegs im Regen doch wieder nach diesem Dach über dem Kopf, das man nun in der mobilen, instabilen Version über sich aufspannt.

Ein Schirm, der Schutz bietet und den Alltags-Kokon bewahrt, der vollste Fokussierung auf Wegziel und Verpflichtungen garantiert, aber keine Geisteserfrischung in Form einer Regenwasserdusche zulässt.

Doch diese hätten vor allem die Schirmträger nötig.

Dann würden sie bewusster zwischen den unterschiedlichen Umgebungen unterscheiden können – und würden nicht in Arkadengängen und überdachten Bahnstationen ihre Schirmstellung unbeirrt fortführen, gleich einer ungewollten Performance, rein durch das richtige Utensil legitimiert.

Ein Schirm, ein Klappergestell aus schwachem Stoff, an das man sich da klammert…

Photo Credit: Unsplash

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