Sonne, Mond und Stern

Eine S-Bahnstation von zuhause sieht der Himmel schon ganz anders aus.

Irgendwie milchiger, als würde er bauchig Richtung Erde hängen, damit der Regen nicht so weit fallen muss.

Damit er das blaue Farbspektrum besser zur Schau stellen kann.

Damit die Sterne immer greifbarer werden

Unter diesem Himmel wandle ich immer dieselbe Straße, die einzige, die mir in diesem Örtchen je untergekommen ist, entlang.

Jene Straße, in der meine Gedanken stets auf Reisen gehen.

Ich tapse vorbei am Dönerspieß und am Handyhüllen-Laden.

Diese lebendige Geschäftigkeit weicht einem verschlafenen Divertissement,

ein Häuschen weiter.

Im Café Sonnenschein trifft man sich auf ein wortloses Schwätzchen.

Trotz ihres Namens hat die Kneipe wohl noch nie Sonne im Innern gespürt.

Der dicke, samtene, purpurfarbene Vorhang schottet die trinkenden Gestalten vor jeglicher strahlender Frühjahrsbotschaft ab.

Ich sause in Zeitlupe an der Bar vorbei,

traue mich kaum, hineinzusehen,

reicht doch schon mein Spür- und Geruchssinn,

um sicher zu sein, dass hier der warme sprudelarme Gerstensaft

den Sonnenflüchtlingen den Rachen durchspült

und sie im Gefühl der unausstehlichen Heimeligkeit wiegt.

Ich atme tief ein und weiß,

dass man hier den Bierrest auch gerne mal der Gummipflanze zu trinken schenkt.

Normalerweise wandle ich diese Straße abends entlang,

noch vollkommen narkotisiert von etwas, das man Arbeit nennt.

Dann gucke ich in den Himmel,

den unendlich träumerischen Bildschirm,

der mich mit seinem Dualitäts-Spielchen zwischen Hell und Dunkel tröstet.

Das tiefe Schwarz macht mir niemals Angst sobald ich die hell erleuchtete Mondsichel –

manchmal auch eine Mondscheibe –

entdecke.

Heute ist der Himmel blau und wird von ein paar Wölkchen gestreichelt.

Ich schreite weiter und beobachte auf der anderen Straßenseite

einen Einparkversuch eines Mercedes-Fahrers.

Vorsichtig schiebt er seine sternengekrönte Schnauze vor,

bleibt stehen und manövriert den Karren schräg nach hinten.

Kurz bin ich dazu verführt, zu warten, bis er sich in die Parkposition getanzt hat,

um dann das Offensichtliche zu tun: den Stern zu stehlen.

Es wäre ein wertvoller Neuzugang für die einst so schillernde Sammlung.

Gewissermaßen ein Ersatz für den vor über einem Jahr verloren gegangenen Stern.

Rebellisch eigensinnig hat er sich selbst ausgelöscht.

Und damit den Lichtblick eines von Idealen geleiteten Projekts.

Nun vertreten nur noch 27 Länder die Idee: in varietate concordia.

Photo Credit: Unsplash

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