Spielfigurenkabinett

Die burgunderrote, fast schon violette Träne ist seit zwei Wochen getrocknet und in einer unregelmäßig ästhetischen Rinnenspur erstarrt.

Extremsituationen gehen nicht spurlos an einem vorüber.

Seit Monaten immer nur das stumme, immer öder wirkende Wohnungsmobiliar vor Augen,

Arbeitsspirit wird durch Videokonferenzen von latenten Verflüchtigungsversuchen abgehalten,

der seelenverwandte Hausgeist, der Partner in Liebesspielen und Essensorgien, wird auch immer blasser.

Man muss doch nur selbst in den Spiegel schauen – fahler Teint, zerknitterte Stirn, nichtssagende Augen. Ein Lächeln lässt sich das krisengebeutelte Gesicht aber nicht verbieten.

Anstatt in den Spiegel fällt der Blick immer öfter auf die dicht versammelte Weinflaschen-Familie – das leere Spielfigurenkabinett, das geduldig auf seine Entsorgung wartet.

Die Flasche des korsischen Weins mit der markanten, wie flüchtig gemalt wirkenden Traubensaftträne.

Vor 14 Tagen war sie animierender Teil unseres Freitagabend-Rituals, stand zwischenzeitlich als halbvolle Arbeitswochenabschluss-Trophäe auf dem Couchtisch, war Dreh- und Angelpunkt der Feierabendstruktur.

Nun steht sie etwas eingeschüchtert neben seinen Glasverwandten, dennoch stolz und erhobenen Flaschenhalshauptes.

Anders als seine Gleichgesinnten ließ er seinen Gefühlen sofort freien Lauf, als er vom korkigen, ihm zum Schweigen verdammenden Zylinder befreit wurde.

Schon floss jene Träne, die sein Etikett in ein Sentimentalitätszeugnis verwandelte.

Eine Spur, die wie ein Mahnmal nun an prominenter Stelle im Wohnzimmer thront.

Und daran erinnert, eines nicht zu vergessen in diesem Quarantäne-Hamsterrad, diesem Wohn-, Arbeits-, Liebesnest ohne Ausweg: In dieser gekrönten Zeit sind Gefühle nur schwer zu steuern.

Sie sind schließlich auch für spontane Ausbrüche bestimmt.

Und diese müssen nun einfach zugelassen werden.

Ungefiltert.

Ehrlich.

Freude rekonstruierend, Schmerzen kompensierend.

Sich vom Innersten überwältigen lassen, von ihm Spuren in den Alltag zeichnen lassen.

Und in die Gedanken.

In das Herz.

In die leeren Augen des masketragenden Gesichts.

Auf den Körper.

Auch wenn es nur zusätzliche Pfunde sind.

Sichtbare und spürbare Spuren sind Manifestationen eines Verarbeitungsprozesses.

Er signalisiert: Die Zeit ist nicht in Burgunderrot erstarrt.

Körper und Gedanken funktionieren.

Und suchen unablässig nach Lösungen.

Geduld, die neue Superkraft.

Photo Credit: Unsplash

Hinterlasse einen Kommentar