Firenze

Eine Stadt in beneidenswerter Pracht mit musealem Prunk.

Breite Lebensadern und schmale Venenläufe pumpen unablässig den erhabenen, edlen Künstler-Geist zum Herzstück des Renaissance-Schaffenszentrums.

Beim Betrachten der imposanten, architektonischen capolavori, die sich auf dem viel zu kleinen Platz drängen und mit dem Sonnenuntergang immer näher zusammenzurücken scheinen, bevor sie am nächsten Morgen den Menschenmassen wieder mehr Platz zum Atmen im Turm- und Kuppelschatten schenken, stockt einem gezwungenermaßen der Chianti-geschwängerte Atem.

Der vollmundige Weingeschmack wird von der Speiseeis-Süße verdrängt, die die Gedanken durch die Wucht des visuellen Eindrucks den Geschmackssinnen vorgaukeln: Mit offenem Mund steht man vor der Santa Maria del Fiore und meint, die pastelligen Gelati-Farben ihrer Fassade auf der Zungenspitze zu erahnen.

Die gigantische Kuppel erinnert doch auch tatsächlich an eine übergroße Eis-Halbkugel, die den beeindruckend verschachtelten Eisbecher krönt.

Während des Umrundens des Kirchengigants oder beim Bestaunen eines Kuppelausschnitts von einer der Gassen mit Puppenstubencharakter aus, fällt einem dann mit Sicherheit zufällig eine köstlich kalte Kugel in den Mund.

Und irgendwann steht dann auch der wohlproportionierte David vor einem.

Im Museum oder in piazza. Das Original oder eine meisterhafte Kopie.

Diese attraktive Bekanntschaft steigert das Gelüste nach mehr Ästhetik und man sucht nach mehr Nahrung für das sonst so unterdrückte Kunstbeflissenheitsstreben.

Und dann steht man im Innenhof des Museums aller Museen, dessen regloses aber doch so animierendes Innenleben einen mit seinem schier endlosen Saal-Labyrinth mit Werken, die einem aus dem Kunst- und Geschichtsunterricht unheimlich vertraut sind, zu einem stundenlangen, besonnenen Innehalten zur Würdigung des sakralen Atmosphärencharakters zwingt.

An anderen Ecken der Stadt wird man auch schnell wieder zu anderen Attitüden gezwungen:

Ostentation auf der Juwelierbrücke.

Konsum auf der Designermarken-Geschäftsstraße.

Misstrauen an den viel zu vielen Lederwarenständen.

Aberglaube an der Wildschwein-Statue.

Oh, signora egregissima! Carissima!

In dir spüre ich eine unbeschreibliche Lebenskraft, die sich aus dem distinguierten, sublimen, unwirklichen aber doch so überzeugend und animierend wirkenden Gelehrtengeist nährt und von der unausrottbaren Künstler-Spiritualität getrieben wird.

All dies unnachahmbar und unspürbar an jedem anderen Ort.

Die Seele frohlockt vor Erleichterung, darf sie in dir doch einfach ihren feinen Raffinesse-Sehnsüchten unbeschämt nachgehen.

Eine Stadt wie ein Museum.

Ein Museumsbesuch wie ein Ausflug in die Tiefen der nach edler Ausgelassenheit sehnenden Seele.

Eine Seelensehnsucht, die letztendlich nur bei Sonnenuntergang auf den Steinstufen des Piazzale Michelangiolo mit Freunden, einem Glas Chianti und dem Blick auf den kuppeldominierten Stadtscherenschnitt befriedigt wird.

Als Zuschauer eines obligatorisch kitschigen Heiratsantrags.

Mit einem David im Rücken.

Mit der orangefarbenen, sinkenden Sonne vor der Stirn.

Mit Florenz zu Füßen.

Photo Credit: privat

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