Grau in Grau
Federleicht und doch so bedrückend
Schwebt sie durch die Lüfte,
zieht sie ihre weiten Kreise
wie ein unsichtbarer, verheißungsvoller Vogelschwarm.
Verführerisch sanft streichelt sie uns die Wangen,
die Augenlider, die Nasenspitzen
mit ihrem schäbigen Schleier,
schwach aber schwer,
die triezende Schande eines viel zu schwerfälligen, niederträchtigen Zustands,
eines unumgänglichen Umstands,
einer die Süße des süffigen Lebenssaftes aussaugenden Situation
einer dümpelnden Dauerdarbietung.
Grau in Grau
Verströmt sie ungeheuerlich und unaufhaltsam
Ein Gefühl der Geborgenheit,
ungewollt und so abscheulich,
ungehalten und so vertrauenserweckend.
Sie singt uns in eine lethargische Trance,
in der die repetitive Abarbeitung von Alltagsaufgaben
jegliche Abenteuerlust einschläfert
und als einziger sicherer Anker dient,
der Normalität suggeriert.
Grau in Grau
Hüllt sie uns immer mehr in ihre Nebelschwaden,
verführt sie uns immer mehr mit ihrem uns das Gesicht kitzelnde Gewand.
Die Berührung markiert jenen Moment,
in dem endgültig unser wahrer Wille unterdrückt wird.
Ein abscheuliches Spektakel wider unsere Natur,
das tagtäglich sein Unwesen zelebriert
und immer mehr Opfer fordert,
dem sich keiner entreißen kann,
bietet es doch eine so simple Form des Vorsichhinlebens an.
Grau in Grau
Stiftet sie uns zum Dahinvegetieren an.
Als täglicher Begleiter,
den man nicht so einfach abschütteln kann,
sollte sie doch das Gegenteil ermöglichen:
zum Träumen anregen,
zu Taten anstiften,
einen Tanz tausender Tagesziele anfachen.
Doch diese unfassbare Quotidianität…
… sie macht uns zu devoten Marionetten.
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