Die blasse Wand wird von der Sonne geküsst und leuchtet mich freudestrahlend an.
Noch nie wurde ich so sanft durch einen Kuss zwischen lebensspendendem Licht und liebloser Trennmasse geweckt.
Kaum eine Geste könnte symbolischer und tröstender sein als die liebevolle Vereinigung von Lebhaftigkeit und Leblosigkeit, aus der der Lichtstrahl als Sieger und zugleich als Eintönigkeits-Überwinder hervorgeht.
Denn durch die goldgelben Streifen, die die Sonnenstrahlen durch die schlampig geschlossenen Jalousien an die Wand zeichnen, wird die weiße, leicht holprige Oberfläche zu einem Sinnesspiel erweckt.
Elektrisierend in konsequenter Gleichmäßigkeit reihen sich die Goldstreifen an die Wand und halten diese erbärmlich leblose Trennsubstanz mit ihrem freudigen Licht-Schatten-Spiel in Schach.
Diese rigorose Abstandseinhaltung der Lichtstreifen gleicht fast schon den neuen Regeln an der Supermarktkasse.
Eine Kreation von eintöniger Regelmäßigkeit, von gezwungen auferlegter Regelkonformität in diesem unberechenbaren Lebensabschnitt.
Das Chaos fordert Disziplin.
Und die Sonne fordert die absolute Weißheit der Wand für ihre ästhetische Projektion, die meine Gedanken kurz vor 7 Uhr früh auf Trab hält.
Oder ist es doch die Wand, die die Sonnenstrahlen kidnappt, um sich selbst endlich mit Leben zu durchtränken?
Siegt das Leben oder die leblose Projektionsfläche,
die goldene Sonne oder die weiße Wand?
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