Länger kann ich meine zermürbende Nostalgie nicht mehr schlucken, immer wieder die trockene Kehle hinunterschicken.
Mit nassgewaschenen Augen.
Die aus roten Steinen konstruierte italienische Gelehrtenmutter lässt meine Gedanken einfach nicht ruhen.
Die Erinnerungen sind unbeherrschbar, stark und unzerstörbar, als würden sie von einer der massiven Arkadengänge der Tortelliniideatorin beschützt.
Als trüge ich meine sentimentalen Memoiren zwar immer in meinem Herzen. Als hätte ich sie aber unbewusst und vorsichtshalber aufgeteilt: Ein Stück bei mir, ein Stück beschützt von den Mauern der ältesten Universität Europas. Die volle Ladung Erinnerung wäre im Moment auch unerträglich.
Im Schatten der Bogengänge schlummert ein Teil von ihnen friedlich und animiert unentwegt den nicht zu unterbindenden Wunsch, zurückzukehren.
Ein Versprechen, das ich seit zu langer Zeit einlösen sollte.
Dieses Gedankendepot ist aber nicht der einzige Grund, weshalb diese italienische Studiengefährtin meine Sentimentalitätsausbrüche beherrscht.
Denn hier war ich Europa.
Jenes Europas, das so nur in von Utopien angespornten Ideen existiert.
Hier lebte ich ein labiles Ideal mutig gestützt von universitärer Tradition.
Ein intellektuelles Erlebnis, ein persönliches Abenteuer.
Hier durfte ich unbeschreibliche Menschen kennenlernen.
Und uneingeschränkte Liebe, die keine Vorurteile kennt, erfahren.
Hier begann meine Dreiecks-Liebe, portugiesisch-deutsch-italienisch.
Hier versammelt sich die Welt.
Und lebt Europa.
Du bist viel mehr als fett, gelehrt und rot, Bologna.
Du bist ein unerschöpfliches Reservoire für unbeirrbare Idealisten, hartnäckige Wissensdurstige.
Erlebnishunger wird hier mit Pasta, Wein und in melancholisches Rot getauchtes Türmengewirr gestillt.
Und mit Freunden, die sich dank ihrer Unterschiede finden.
Freundschaften, die andernorts unvorstellbar wären.
Du definierst gesunde Neugier neu durch deine sagenumwobenen Geheimnisse.
Du verwöhnst deine treuen Bewohner mit schicksalhafter Spannung durch deine doch so willkürlich scheinenden, von Aberglauben durchtränkten Verbote.
Du hältst den Teufel in Schach im verschachtelten Irrgarten deines Sieben-Kirchen-Komplexes.
Du spendest gemeinschaftsstiftende Glücksgefühle durch kulturellen Überschwang.
Du gönnst deinen Besuchern eine spirituelle Auszeit zum Stadtgewimmel durch einen Arkadengang mit Pilgeratmosphäre.
Du hauchst Europas Ideen Leben ein durch die Energiegeladenheit und Vorurteilslosigkeit deiner Protagonisten.
Du schenkst der Jugend Mut zum kritischen, freigeistigen, rationalen wie emotionalen Denken durch die Alma Mater, die die ganze Welt zu einem respektvollen Wissensaustausch vereint.
Du erklärst Bücher zu ideellen, kraftspendenden Juwelen durch deine altehrwürdigen Bibliotheken.
Du sättigst leere Bäuche und selbst verwöhnte Gaumen durch deine unübetreffbaren weltbekannten Pasta-Gerichte.
Für mich bist du der Gedankenkatalysator, der es innerhalb eines Jahres schaffte, meinen Sinn für das wahrlich Wichtige zu schärfen, das Ersehnte vom Erzwungenen zu trennen und vermeintliche Alltags-Prioritäten der ausgelassenen Zeit mit Freunden und der Konzentration auf meinen innersten Willen unterzuordnen.
Bologna, Traditionshüterin, frohlockende Europaschmiede, beschütze deine Einzigartigkeit.
Die portici sind dein großer Vorteil.
Sie sorgen zwar für viel Schatten, erhalten aber den Glanz deiner unsichtbaren Schätze.
Darunter auch jenen meiner teuren, unbeschreiblichen Erinnerungen.

Photo Credits: privat