Heute Morgen, als ich noch dösend im Bett lag, habe ich zu lange an diese italienische Schönheit gedacht.
Fünf Jahre ist es nun her, dass sie mich verführte.
Ich war Teil ihrer Lebensfreude, die ich ganz natürlich und rasend schnell, in nur wenigen Tagen, verinnerlichte.
Schon beim ersten kurzen Besuch, der mich zu ihr führte, verarbeitete ich all die Eindrücke wie ein Déjà-Vu.
Ich trat durch eines ihrer Tore, wurde sofort von ihrer Mentalität infiziert und alles, was ich in ihr erkundete, betrachtete ich mit dem Auge eines Nostalgikers, der ein vor langer Zeit verloren gegangenes und gerade eben wie durch ein Mirakel wiedergefundenes Schmuckkästchen öffnet.
Mich überwältigte das unbändige Gefühl, als hätte ich die Faszination für diese Schönheit schon seit jeher in mir getragen, doch kein äußerer Reiz schaffte es bisher, diese unbeschreibliche, erlösende Lebensfreude, diese naive, überschwängliche und doch so sinnhafte Art der Existenz-Zelebration aus mir herauszukitzeln.
Ich stand auf ihren Plätzen, sog die warme Januarluft des strahlend azurblauen Himmels ein, ließ mir von ihr köstliche Gerichte kredenzen, spazierte über ihre Brücken und merkte währenddessen, wie sich lose Kabel in meinem Kopf sinnvoll zusammenschlossen, wie mein Herz eine gesunde, intime Verbindung mit meinem Körper einging und mein gesamtes Ich einen einzigen Lebenssinn zu verfolgen begann: atmen, lachen, umherflanieren, essen, trinken. Und all das am besten mit gleichgepolten Freunden, mit verrückten, unglaublichen Mitbewohnern.
An jenem ersten Tag konnte ich die Ausmaße des die eigene Lebensausrichtung bestimmenden Einflusses, den die italienische Schönheit auf mich ohne Zurückhaltung ausüben würde, noch nicht abschätzen.
Da ließ ich mich dann doch noch zu einigen Banalitäten verleiten: Ich starrte auf einen Balkon, umrundete eine Arena und aß ein viel zu teures, viel zu kleines Tramezzino.
Es war eben mein erster Tag, die Transformation vom Touristen zum Lebensabschnittspartner noch nicht vollzogen, aber bereits zum Greifen nah.
Bald sollte ich für ein halbes Jahr ein Zimmer beziehen in einer voll Herzlichkeit und Feierlaune wimmelnden Wohnung, von dessen Balkon man die volle Pracht der bellezza bestaunen konnte.
Bald sollte ich sie bis ins letzte Detail kennenlernen, all ihre Verführungen, all ihre Tore und Brücken, all ihre Hügel, die sie sanft einbetten.
Und wie ein wahres Juwel beschützen.
Genau das bist du auch, Verona.

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